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Syrien-Konflikt : Palästinenser zwischen den Fronten

Jarmuk am 21. Juli: Auch in dem Palästinenser-Lager wird gekämpft.
          5 Min.

          Oft sind die Telefonleitungen ganz tot. Wenn Fijez Kilani doch nach Damaskus durchkommt, hallen Schüsse im Hintergrund. 19 Jahre lang lebte der Palästinenser in der syrischen Hauptstadt; seine Frau ist Syrerin. Doch Damaskus hat heute nur noch wenig mit der Stadt zu tun, die der Brigadegeneral der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO verließ, als er im Ruhestand nach Jordanien zog.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Eines Nachts kamen Mitglieder der Freien Syrischen Armee und klopften an die Tür meines Schwagers. Sie schossen so lange auf ihn, bis er tot war. Zwei Tage später kamen sie wieder und kündigten an, auch seinen Bruder umzubringen. Zwei Tage danach töten sie ihn. Alles geschah in nur einer Woche“, berichtet der 62 Jahre alte Kilani während eines Besuchs in Ramallah. Die Mörder hätten geglaubt, seine Verwandten stünden auf der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al Assad, sagt er. „Tagsüber kontrollieren die Sicherheitskräfte des Regimes die Stadt, nachts hat die Freie Syrische Armee in vielen Vierteln die Kontrolle übernommen.“

          Fünf syrische Verwandte seiner Ehefrau sind schon zu ihm nach Jordanien geflohen. Für Palästinenser ist das nicht so einfach. Sie haben keinen syrischen Pass und brauchen eine Genehmigung des jordanischen Innenministeriums. Doch die Behörden in Amman erteilen sie nur zögerlich, obwohl sich die Lage der knapp 490.000 palästinensischen Flüchtlinge in Syrien immer weiter zuspitzt. Sie drohen zwischen die Fronten zu geraten: Die Rebellen beschuldigen die Palästinenser, Präsident Assad zu unterstützen; Sicherheitskräfte des Regimes halten ihnen vor, zur Opposition zu halten.

          „Etwa 170 Palästinenser getötet“

          In Syrien stehen viele Palästinenser immer noch unter dem Schock des jüngsten Massakers. Vor gut zwei Wochen wurden 15 Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsarmee ermordet. Sie waren in der Nähe von Aleppo in einem Kleinbus unterwegs, als sie gestoppt wurden und ihnen Bewaffnete die Kehlen durchschnitten. Die Täter werden in den Reihen der Regierungsgegner vermutet. „Etwa 170 Palästinenser wurden seit dem Ausbruch des Konflikts getötet. Die meisten wurden von Scharfschützen erschossen, weil sie sich in umkämpften Gebieten aufhielten“, sagt Mohammed Stayeh. Er gehört dem Fatah-Zentralkomitee an und gilt als Vertrauter des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas. Andere palästinensische Organisationen sprechen dagegen schon von bis zu 300 Toten und mehreren tausend Festnahmen. Die Palästinenser seien Gäste in Syrien, mahnt Stayeh. Deshalb habe die PLO-Führung sie dazu aufgerufen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten – ungeachtet ihrer persönlichen Meinung. Das werde jedoch immer schwieriger, da die palästinensischen Flüchtlinge in Syrien in ihren Lagern schon Einheimische aufgenommen hätten, die vor den Sicherheitskräften geflohen seien. Im Auftrag von Abbas bereitet Stayeh gerade einen ersten Hilfskonvoi nach Syrien vor. Vier Lastwagen mit Lebensmitteln sollen mit Hilfe der Vereinten Nationen in wenigen Tagen dorthin aufbrechen.

          Die Vereinten Nationen schätzen die Situation offenbar ähnlich bedrohlich ein wie die PLO. In einem ungewöhnlich dramatischen Appell forderte das UN-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) vor kurzem, es müsse mehr für den Schutz der Palästinenser in Syrien getan werden. Aus leidvoller Erfahrung wissen die Flüchtlinge, wie schnell sie zu Sündenböcken werden können. Als Palästinenserführer Jassir Arafat 1991 zu Saddam Hussein hielt, mussten Tausende die Golfstaaten verlassen. Auch 2003, nach der amerikanisch geführten Invasion im Irak, wurden die mehr als 30 000 Palästinenser als Freunde des vertriebenen irakischen Machthabers angefeindet und angriffen. Heute leben angeblich nur noch knapp 7000 Palästinenser im Irak; mehr als tausend mussten in Flüchtlingslagern in der jordanischen und syrischen Wüste ausharren, bis andere Länder sie aufnahmen.

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