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Syrien-Konflikt : Ein Krieg im Kriege

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An der Grenze: Mitglieder der Freien Syrischen Armee bei Ras al Ain Bild: REUTERS

An der nordsyrischen Grenze stehen sich kurdische und syrische Oppositionelle gegenüber. Die befürchtete Zersplitterung hat hier längst begonnen – und die Freie Syrische Armee hat nur wenig Interesse an einer Einigung.

          „Wir sind Brüder der Araber“, sagt der Kurdenführer Salih Muslim am Telefon. Dabei stehen sich kurdische Kämpfer seiner Partei der Demokratischen Union (PYD) und arabische Aufständische der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) seit fast einem Monat in der nordsyrischen Grenzstadt Ras al Ain bewaffnet gegenüber.

          Zwar einigten sich beide Seiten Ende November auf einen Waffenstillstand, doch die Lage in Ras al Ain bleibt gespannt: Mehr als fünfzig Menschen seien bei den Kämpfen getötet worden, die kurz nach dem Einmarsch der FSA Anfang November begannen, sagt der Vorsitzende der größten syrisch-kurdischen Partei.

          Zersplitterung des Landes

          Hinzu kommen die Angriffe von Seiten der syrischen Luftwaffe: Erst Anfang der Woche bombardierten Kampfflieger der Armee Präsident Baschar al Assads wieder die an der türkischen Grenze gelegene Gemeinde. Hunderte Zivilisten flohen hinüber ins türkische Ceylanpinar. Bereits im November hatten Assads Einheiten die unter Kontrolle der Opposition liegende Gegend angegriffen; die türkische Armee schickte daraufhin eigene Kampfflugzeuge an die Grenze.

          Es ist ein Krieg im Krieg, der in der von Kurden als Serekani bezeichneten nordsyrischen Gemeinde Ras al Ain stattfindet. Die von Beobachtern des Bürgerkriegs befürchtete Zersplitterung des Landes nach einem möglichen Sturz Assads hat hier längst begonnen. Nicht Aufständische und Regimetreue stehen sich im Nordosten Syriens gegenüber, sondern Oppositionelle und andere Oppositionelle.

          Warten auf die rettende Flucht in die Türkei: Szene von der syrisch-türkischen Grenze in der Stadt Ras al-Ain Bilderstrecke

          Kurdenführer Muslim gibt im Gespräch mit dieser Zeitung an, „ein Teil der Revolution“ zu sein. Das aber behaupten auch die FSA-Einheiten in Ras al Ain von sich, das mit rund 50.000 Einwohnern zu den größten Gemeinden in den kurdischen Gebieten Syriens gehört. Ob es ihnen in den nächsten Wochen wirklich gelingt, eine neue Verwaltung aufzubauen, in der Kurden, christliche und muslimische Araber paritätisch mit jeweils 15 Mitgliedern vertreten sein sollen, ist zweifelhaft.

          An Einigung kaum interessiert

          Denn nicht nur nach den Angaben Muslims von der PYD, der sich als Gefolgsmann Abdullah Öcalans, des inhaftierten Führers der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), bezeichnet, sind die FSA-Einheiten in Ras al Ain an einer Einigung kaum interessiert. Der bewaffnete Arm der syrischen Opposition werde hier angeführt von der islamistischen Al-Nusra-Front, so heißt es; und diese wiederum werde dominiert von ausländischen Kämpfern, die den Heiligen Krieg nach Syrien bringen wollten.

          Das sagt auch Siamend Hajo vom Europäischen Zentrum für Kurdische Studien in Berlin. Gemeinsam mit der Al-Nusra-Front seien Kämpfer der Brigade Al Scham, die ebenfalls dem Terrornetz Al Qaida angehört, im November in Ras al Ain eingerückt. Damit gerät auch das Ziel von Muslims PYD, den kurdischen Teil der Stadt nach dem Rückzug der Soldaten, Grenzpolizisten und Geheimdienstmitarbeiter des Assad-Regimes im Juli zu sichern, in Gefahr.

          Zwar feierten Syriens Kurden die Verkündung des Waffenstillstands Ende November selbst in der hundert Kilometer östlich gelegenen Hauptstadt al Qamischli wie einen Sieg. Eigentlich bestand die Strategie der etwa zwei Millionen Kurden, die schon unter Hafiz al Assad, dem Vater des jetzigen Präsidenten, unterdrückt wurden, darin, sich nach Ausbruch der Revolution nicht auf bewaffnete Auseinandersetzungen einzulassen, Durch den Vormarsch extremistischer Gruppen wie der Al-Nusra-Front droht jedoch neue Gewalt.

          Sorge um selbstverwaltete kurdische Zonge

          Inwieweit die Al-Nusra-Front wirklich Unterstützung von türkischer Seite erhält, wie Salih Muslim behauptet, lässt sich kaum beurteilen. Regionalpolitisch betrachtet, könnte seine Behauptung richtig sein: Das Vorgehen der islamistischen Kämpfer gegen den PKK-Verbündeten PYD schwächt die kurdische Seite.

          Die Sorge Ankaras, dass neben dem autonomen kurdischen Nordirak auch in Syrien eine selbstverwaltete kurdische Zone entsteht, ist groß. Zum Krieg im Krieg gesellt sich so ein regionaler Stellvertreterkrieg: Medienberichten zufolge hat die türkische Regierung Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogans dem Golfstaat Qatar erlaubt, Waffen an die Aufständischen zu liefern.

          Beobachter glauben deshalb, dass die Dschihadisten als Sieger aus dem ersten Krieg um Assads Syrien hervorgehen könnten, wo seit März 2011 bereits mehr als 30.000 Menschen getötet worden sind. Interne Kämpfe der in Dutzende bewaffnete Gruppen zersplitterten Opposition halten sie nach einem Sturz des Regimes für unvermeidlich.

          Salih Muslim von der mit der PKK verbündeten PYD kann sich vorerst als Sieger fühlen: Seine Partei erfährt nach dem Waffenstillstand von Ras al Ain großen Zulauf; die notorisch zersplitterte politische kurdische Szene schart sich zunehmend um ihre stärkste Kraft.

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