https://www.faz.net/-gpf-ysjf

Syrien : Exil, Untergrund oder Gefängnis

Das Assad-Regime hatte die Strukturen der Muslimbruderschaft in Syrien völlig zerschlagen Bild: dpa

Zum ersten Mal äußert sich die Muslimbruderschaft zu dem Aufstand gegen das Assad-Regime. Sie fordert ihre Landsleute auf, weiter zu demonstrieren und mit ihrer Stimme Freiheit und Würde einzufordern.

          Eine Überraschung war die Wortmeldung aus dem Londoner Exil nicht. Während der syrische Botschafter von der Hochzeitsfeier des Königshauses ausgeladen worden war, forderte in der britischen Hauptstadt die Führung der in Syrien verbotenen Muslimbruderschaft ihre Landsleute auf, weiter gegen das Regime zu demonstrieren und mit einer Stimme Freiheit und Würde einzufordern. Die Syrer sollten an diesem Freitag nach dem Wochengebet wieder auf die Straße gehen, Solidarität für die belagerte Stadt Daraa und deren Bewohner zeigen. Sie dürften es dem Tyrannen nicht erlauben, sie zu versklaven.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Zum ersten Mal hatte sich die Muslimbruderschaft Syriens damit zu dem Aufstand gegen das Regime Assad geäußert, der seit seinem Beginn Mitte März von Woche zu Woche an Stärke gewonnen hat. Wie in Tunesien und Ägypten waren auch in Syrien die Islamisten nicht am Beginn der Proteste beteiligt. Wie in anderen Ländern haben sie sich in die Proteste aber später eingeklinkt.

          Während in Ägypten die Muslimbruderschaft zwar verboten ist, aber geduldet wird, hatte das Assad-Regime deren Strukturen in Syrien völlig zerschlagen. Die Mitgliedschaft in der Bruderschaft wurde mit dem Tod bestraft. Wer die Verfolgung überlebte, die 1982 im Massaker von Hama mit Tausenden Toten gipfelte, ging in den Untergrund oder in das Exil, meist nach London.

          Machtübernahme radikaler Extremisten

          Von dort meldete sich nun der 1938 geborene Führer, Ali Bayanuni. Er war geboren worden, als sich die Muslimbruderschaft formierte. Als er 23 Jahre alt war, trat die Bruderschaft das einzige Mal zu einer Parlamentswahl an und erhielt zehn Sitze. Mit der Machtergreifung der Baath-Partei 1963 wurde sie verboten. Im Widerstand gegen das neue Regime übernahm die Muslimbruderschaft die Führung, bis Hafez al Assad sie ausmerzte und die Islamisten in Syrien keine politische Kraft mehr waren.

          Mehr als verhaltene Sympathien konnten die Syrer zur Muslimbruderschaft nicht zeigen, und der Staat unterwanderte im Untergrund islamistische Kreise, um sie zu neutralisieren. Auf tönernen Füßen steht daher die Behauptung von Baschar al Assad, im Falle seines Sturzes drohe die Machtübernahme radikaler Extremisten. Schließlich war ihm ja auch der Spagat geglückt, die Muslimbrüder zu unterdrücken, die mit den Muslimbrüdern ideologisch verwandte Hamas aber an seiner Seite zu halten.

          Zu Assads Behauptung passt auch nicht der Umstand, dass die Führung im Exil ihre Politik geändert hat. Erst schwor sie der Gewalt ab, dann der Scharia als Leitbild ihrer Politik. Sie folgte dem Beispiel der türkischen Islamisten um Tayyip Erdogan, die 2001 die AKP gründeten, und formulierten ein Grundsatzprogramm. In ihm sprechen sie sich für einen „zivilen demokratischen Staat“ aus und damit gegen eine Islamische Republik. Auch Saad Hariri, der Führer der sunnitischen Muslime im Libanon, arbeitete mit ihnen zusammen.

          Hariri soll, so heißt es in einem von Wikileaks veröffentlichten Dokument der amerikanischen Botschaft in Beirut vom August 2006, vorgeschlagen haben, Assad durch eine Allianz aus Muslimbrüdern und ehemaligen syrischen Politikern, wie dem ebenfalls im Londoner Exil lebenden Abdalhalim Chaddam, zu ersetzen. Schließlich hätten sich, so äußerte Hariri, die Muslimbrüder wie die AKP in der Türkei geöffnet. Sie seien zur Zusammenarbeit mit Christen bereit, seien offen gegenüber Frauen in der Politik und sie seien sogar zum Frieden mit Israel bereit.

          Im benachbarten Libanon nie Fuß gefasst

          Damit gehören die syrischen Muslimbrüder zur Gruppe der Post-Islamisten, die zwar nicht säkular sind, für die die Religion aber im wesentlichen Teil der kulturellen Identität ist, die sich also für Frömmigkeit in der Gesellschaft und einen demokratischen Staat aussprechen. Nach langen Jahrzehnten der Unterdrückung sind Aussagen über die Stärke der Muslimbrüder in Syrien kaum möglich.

          Im benachbarten Libanon haben die Muslimbrüder nie Fuß gefasst, was auch damit erklärt wird, dass die Sunniten, die meist zur urbanen Mittelklasse gehören, für islamistische Ideologien nicht empfänglich sind. Wenn das Feindbild Assad beseitigt sein sollte, dürfte das auch zu einem großen Teil für die syrischen Sunniten gelten. Und es hat den syrischen Muslimbrüdern gewiss nicht genutzt, dass die sich Muslimbruderschaft im benachbarten Jordanien in den vergangenen Jahren für Assad ausgesprochen und dies mit seiner anti-westlichen Außenpolitik begründet hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.