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Syrien : Es ist nicht wie im Krieg, es ist Krieg

Im Gebet: Diktator Assad Bild: dapd

Ohne Gnade lässt Diktator Assad auf seine eigenen Landsleute  schießen. Beim Massaker von Homs sollen am Wochenende mehr als 300 Menschen getötet worden sein. Das Regime spricht von einer „hysterischen Kampagne“.

          2 Min.

          Kurz nach Mitternacht hat die Beschießung des Stadtteils Khalidiya begonnen. Am Freitag hatten die Syrer mit landesweiten Kundgebungen zum 30. Jahrestag an den Beginn der Niederschlagung des Aufstands in Hama gedacht, bei dem mehr als 25000 Menschen getötet wurden. Danach begann am Samstag der blutigste Tag des Aufstands gegen das diktatorische Regime von Staatspräsident Baschar al Assad. Über Stunden schlugen in Homs Raketen und Granaten ein. Allein im Stadtteil Khalidiya waren es bis zum Morgengrauen mehr als 300. Sie zerstörten Häuser, töteten Menschen auf offener Straße, trafen Krankenwagen und die aus der Not eingerichteten Feldlazarette. Abgeschossen wurden sie von drei Rampen um die Stadt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Es ist nicht wie im Krieg. Es ist Krieg. Mit jeder Stunde steigt noch immer die Zahl der Todesopfer. Zuletzt nannten Aktivisten am Sonntag die Zahl von mindestens 337 Toten und mehr als 1300 Verletzten in meist kritischem Zustand. Den Krankenhäusern von Homs waren schon vor dem Samstag die Blutkonserven ausgegangen, rasch waren in jener Nacht selbst die Korridore der Krankenhäuser überbelegt. Der syrische Staat weigert sich jedoch, den Krankenhäusern Blutkonserven und andere lebenswichtige medizinische Geräte bereitzustellen. Verletzte erliegen weiter ihren Verletzungen.

          Unbekannter Auslöser

          Unklar ist vorerst, was kurz vor der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat diesen Gewaltausbruch der regulären Truppen ausgelöst hat. Möglicherweise war es ein Angriff der Deserteure der „Freien Syrischen Armee“. Sie hatten kurz zuvor bei einem Angriff auf eine Straßenkontrolle der regulären Armee zehn Soldaten getötet. Nachdem die reguläre Armee ihre nächtlichen Angriffe auf die schlafenden Einwohner von Homs gestartet hatte, griffen die Deserteure abermals Stellungen der Armee an und töteten weitere 42 Soldaten.

          Nach unbestätigten Berichten hat die Armee im Verlauf ihres Angriffs auf Homs ihre Schutzgürtel um die alawitischen Dörfer nahe der Stadt aufgehoben - offenbar um Racheakte der Sunniten aus Homs auf sie zu ermöglichen, die Alawiten eindringlich vor einem Abfall vom Regime zu warnen und einem Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linie weiter Vorschub zu leisten. Nachzuprüfen ist das alles nicht. Bekannt ist aber, wie die staatlichen syrischen Medien das Massaker von Homs kommentieren. Das Fernsehen leugnete ungerührt, dass die regulären Truppen damit etwas zu tun hätten, und nannte die Berichte eine „hysterische Kampagne bewaffneter Banden“.

          Gleichzeitig hatte die vom Präsidentenbruder Maher al Assad kommandierte 4. Division mit ähnlichen Methoden versucht, die Stadt Zabadani nahe von Damaskus zu erobern. Auch dort wurden zahlreiche Häuser zerstört, die einrückenden Panzer lösten eine Massenflucht aus. Strom, Wasser und die Telefonleitungen wurden abgeschnitten. Jeweils mehr als ein Dutzend Tote wurden am Wochenende auch aus den Städten Idlib und Rastan, wo die Gefechte am achten Tag in Folge tobten, berichtet.

          Das Regime Assad führt nicht nur einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, sondern beginnt ihn auch gegen das westliche Ausland. Die britische Tageszeitung „The Telegraph“ hatte am Samstag berichtet, Syrien habe den seit 2005 inhaftierten Abu Musab al Suri auf freien Fuß gesetzt. Bis zu seiner Festnahme im November 2005 durch amerikanische Soldaten in Pakistan hatte er als der wichtigste Stratege von Al Qaida gegolten. Er gilt als der Planer der Anschläge von Madrid im Jahr 2005 und von London im Jahr 2005. Damit will Damaskus offenbar die Einstellung aller Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit mit dem Westen signalisieren.

          Mit Tunesien hat nach dem Massaker von Homs das nach Qatar zweite arabische Land seine Beziehungen zu Syrien abgebrochen. Andere sollten dem folgen, forderte der tunesische Ministerpräsident Hamadi Dschebali. Keine Erklärungen seien nun gefragt, sondern Taten. Wie Dschebali verurteilte der oppositionelle Syrische Nationalrat das Veto, mit dem Russland und China eine Resolution des UN-Sicherheitsrats zu Syrien verhindert haben. Beide Regierungen seien damit für die Eskalation des Mordens und für den Genozid in Syrien verantwortlich. Das Veto sei für das Regime „eine Lizenz zum Töten“, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

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