https://www.faz.net/-gpf-71nph

Syrien : Erdogans Angst vor einem neuen Quasistaat

Das Ziel sei es, sie in ihre Heimat zurückzusenden, damit sie dort „kurdische Territorien“ verteidigen können. „Wir wollen uns nicht direkt in die Entwicklung einmischen, aber sie (junge kurdische Kämpfer) wurden ausgebildet“, sagte Barzani. Bei den Kämpfern handele es sich vor allem um Deserteure aus der syrischen Armee. Sie hätten die Aufgabe, ein durch den Rückzug von Assads Truppen entstehendes „Sicherheitsvakuum“ in den kurdisch besiedelten Gebieten Nordsyriens zu füllen. Barzani bestätigte außerdem, dass mehrere Regionen in Nordsyrien schon von kurdischen Kräften kontrolliert werden.

Die syrischen Kurden sprechen allerdings nicht mit einer Stimme. Die PYD als eine der größten und einflussreichsten syrisch-kurdischen Gruppen gehört dem Kurdischen Nationalkongress nicht an, weil sie das Gremium als unter dem Einfluss Barzanis stehend und diesen wiederum als zu türkeifreundlich betrachtet. Trotz ihrer Rivalitäten haben die PYD und der Kurdische Nationalkongress am 12. Juli aber ein Abkommen geschlossen, in dem sie sich darauf einigten, je fünf Vertreter in einen „Hohen Kurdischen Rat“ zu entsenden. Dieses Abkommen wird als Zeichen einer indirekten Zusammenarbeit zwischen Barzani und der PKK bewertet. Der Hohe Rat hat in den vergangenen Tagen in einigen Kleinstädten und Dörfern an der syrisch-türkischen Grenze die Macht übernommen.

Ungewisse Rückwirkung auf Türkei

„Es gibt keine wirkliche Grenzkontrolle mehr auf syrischer Seite“, berichtet der deutsche Menschenrechtler Rupert Neudeck, der gerade von einer Reise in das türkisch-syrische Grenzgebiet zurückgekehrt ist. Nach Darlegung Neudecks, der von der türkischen Grenzprovinz Hatay aus zu Fuß auf syrisches Gebiet ging, leisten türkische Behörden und Zivilisten im Grenzgebiet erhebliche Anstrengungen bei der Versorgung von Flüchtlingen aus Syrien. Er beobachtete aber auch „Hemmungen und Reste von Angstkomplexen“ gegenüber Kurden aus dem Nachbarland.

Der Politikwissenschaftler Ekrem Eddy Güzeldere, der von Istanbul aus die Entwicklung in den Kurdengebieten verfolgt und regelmäßig dorthin reist, weist auf eine ganze Reihe von bedeutsamen Fragen hin, die durch die jüngsten Entwicklungen aufgeworfen wurden. Sollte im Nordosten Syriens dauerhaft eine zweite kurdische kontrollierte Region entstehen, sei zunächst zu fragen, was sich daraus entwickeln könne, wenn ein einheitliches Syrien nicht Bestand haben sollte: „Ein unabhängiger Staat, eine Konföderation mit dem Nordirak oder gar ein größeres Kurdistan?“ In jedem Falle werde das Ergebnis nicht ohne Rückwirkung auf die Türkei bleiben, sagt er.

„Wie würden die Kurden in der Türkei darauf reagieren, wenn jenseits der Grenze in Syrien Kurdisch eine offizielle Sprache wird, wenn Polizei und Militär Kurdisch sprechen, die Dorfnamen Kurdisch sind, Schulen und Universitäten auf Kurdisch unterrichten?“, fragt Güzeldere. Eine interessante Frage sei dies sei vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen in der Türkei, wo sich die Beziehungen zwischen dem Staat und der kurdischen Volksgruppe nach einem kurzen Höhenflug 2009 und 2010 wieder verschlechtern. Gerade hat ein Gericht in Diyarbakir, der inoffiziellen Hauptstadt der türkischen Kurden, die Annullierung von 19 kurdischen Namen für Parks und Straßen verfügt, da in den Bezeichnungen die verbotenen kurdischen Buchstaben x oder w enthalten waren. „Werden die Kurden sich in dieser Lage wieder stärker für eine Unabhängigkeit einsetzen oder vermehrt in die zwei Kurdistans auswandern?“

Es ist eine Frage, die schon bald nicht mehr so rhetorisch sein könnte, wie sie derzeit noch klingt. Entscheidend sei nun, wie die Türkei als Land, das seit seiner Gründung separatistische Bewegungen fürchtet, reagieren werde, sagt Güzeldere. Er war ursprünglich ein entschiedener Befürworter der türkischen AKP-Regierung und ihrer Reformen, ist inzwischen aber skeptisch: „Im Juli 2012 liegen sowohl die türkische Außenpolitik unter dem Motto ,Keine Probleme mit den Nachbarn‘ als auch die türkische Kurdenpolitik in Trümmern. Es sieht nicht danach aus, dass die Türkei willens ist, ihre Kurdenpolitik grundlegend zu überdenken“, sagt er. In der jetzigen Situation sei es einfach nicht mehr genug, einen kurdischen Fernsehkanal und Kurdisch als Wahlfach in Schulen zuzulassen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Boeing 737 Max

Warten auf Wiederzulassung : FAA-Chef fliegt Boeings 737 Max

Der Chef der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA übernahm persönlich das Steuer, um sich bei einem Testflug von der Sicherheit der Unglücksmaschine zu überzeugen. Abgeschlossen ist das Wiederzulassungsverfahren aber noch nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.