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Was der Syrien-Abzug bedeutet : Amerikas verschwundener Gestaltungswille

Einst freudig begrüßt: Amerikanische Truppen 2017 im Norden Syriens Bild: AFP

Vor kurzem hat der amerikanische Syrien-Gesandte noch ehrgeizige Pläne zur Lösung des Konflikts präsentiert. Nach der Verkündung des Truppen-Abzugs ist die Ernüchterung entsprechend groß. Und bei der Frage nach den Gründen fällt immer wieder ein Name.

          Es ist erst etwa zwei Monate her, da präsentierte der Syrien-Sondergesandte des State Department, Joel Rayburn, auf einer Sicherheitskonferenz in Bahreins Hauptstadt Manama ehrgeizige Pläne. Es sei jetzt die Zeit, einen politischen Prozess zur Lösung des Konfliktes voranzubringen, sagte er. Außerdem sollten Iran und die von Teheran gelenkten Milizen zurückgedrängt werden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Botschaft war eindeutig: Washington will sich wieder stärker in Syrien engagieren. Hohe amerikanische Regierungsmitarbeiter haben zuletzt immer wieder solche Signale ausgesendet. Und die amerikanischen Soldaten im Nordosten Syriens gelten als ein effektives Druckmittel gegen das syrische Regime und seine iranischen Verbündeten.

          Welche Rolle spielte Erdogan?

          Die Hoffnungen der westlichen Syrien-Diplomatie stützen sich maßgeblich auf den neuen amerikanischen Gestaltungswillen. Entsprechend groß war die Ernüchterung, als die Kunde des Abzugs an die Öffentlichkeit gelangte. Mehrere mit Syrien befasste westliche Diplomaten bewerteten dies am Mittwoch übereinstimmend als eine unerwartete und zugleich bahnbrechende Veränderung der Lage. Es sei unwahrscheinlich, dass Präsident Donald Trump sich ein weiteres Mal zur Kehrtwende bewegen lasse, hieß es, auch wenn es natürlich nicht auszuschließen sei.

          Mit den Soldaten würde sich Washington eines wichtigen Hebels entledigen. Die Glaubwürdigkeit amerikanischer Kampfansagen an den syrischen Machthaber Baschar al Assad und seine Alliierten würde leiden. Das Vorhaben, die schiitischen Milizen zu verdrängen, würde noch unrealistischer. Auch die von Washington angestrebte wirtschaftliche Strangulation des Regimes in Damaskus – unter anderem durch schärfere Sanktionen – würde schwieriger, sollten die Ölfelder im Osten nicht mehr im möglichen Aktionsradius der Amerikaner liegen.

          Mit Syrien befasste Diplomaten vermuten, dass der türkische Präsiden Recep Tayyip Erdogan eine Rolle dabei gespielt hat, Trump zur Abzugsankündigung zu bewegen. Für die Führung in Ankara sind die kurdischen Milizionäre in Nordsyrien „Terroristen“, denn sie sind Bundesgenossen der PKK-Organisation, gegen die Erdogan einen erbitterten Krieg führt.

          Die Entstehung eines Quasistaates unter ihrer Führung entlang der südlichen Grenze will Erdogan um jeden Preis verhindern. Für Washington sind die Kurden in Nordsyrien dagegen wertvolle Verbündete im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS), denn sie sind das Rückgrat der Truppe, die den Kampf gegen die Dschihadisten am Boden führt.

          Assad wird es wohl leichter haben

          Die Spannungen zwischen Washington und Ankara haben zugenommen, seit Erdogan vor knapp zwei Wochen eine neue Offensive in Nordostsyrien angekündigt hat. Denn sie hätte auch die amerikanischen Truppen gefährden können. Am Freitag sprachen Erdogan und Trump miteinander. Der türkische Präsident zeigte sich am Montag ermutigt, die angekündigte Militäroperation „jeden Moment“ zu beginnen.

          Die Kurden könnten einer solchen Offensive nun bald ohne den Schutz der amerikanischen Verbündeten gegenüberstehen. Sie haben schon länger dem syrischen Regime Avancen gemacht. Assad hätte es deutlich leichter, die kurdischen Regionen wieder in sein Reich einzugliedern.

          Und auch die Dschihadisten des IS dürften aufatmen. Aus westlichen Sicherheitsbehörden hatte es schon vor Wochen geheißen, die Kurden zögerten, ihre Kraft auf den Kampf gegen den IS im Südosten zu konzentrieren, solange weiter im Norden Gefahr drohe. Jetzt haben die Kurden dort noch größere Sorgen.

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