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Südsudans Hauptstadt Juba : Mit der Pistole auf dem Schreibtisch

  • -Aktualisiert am

Eine Gruppe feiert tanzend auf der Straße die Staastgründung Bild: Daniel Pilar

Heute entsteht in Afrika ein neuer Staat. Die Republik Südsudan erklärt nach langem Kampf ihre Unabhängigkeit. Doch ein Staat ist sie nur auf dem Papier. Es gibt viele Profiteure, aber keine Verwaltung, die ihren Namen verdient.

          Der stellvertretende Bürgermeister von Juba trägt trotz der Bullenhitze Anzug und Krawatte, und man könnte ihn für einen freundlichen älteren Herrn halten, läge da nicht in Reichweite seiner rechten Hand eine Pistole. Ansonsten ist der Schreibtisch leer. Kein Computer, kein Drucker, keine Akten. Nur diese halbautomatische belgische Browning. David Lotconga Moses war einst Oberst in der südsudanesischen Rebellenarmee „Sudan People’s Liberation Army“ (SPLA). Nach den Wahlen im April vergangenen Jahres wurde er Commissioner für den County Yei River, was dem deutschen Landrat für einen Landkreis entspricht.

          Jetzt soll der Soldat die Stadtverwaltung der Hauptstadt Juba auf Vordermann bringen, und er will das tun, wie er alles in seinem Leben getan hat, nämlich mit militärischer Disziplin und Härte. „Mein Job ist es, die Stadtverwaltung als Stadtverwaltung überhaupt erst zu etablieren“, sagt Lotconga. In Juba heißt das mit anderen Worten: sie zu erfinden.

          Zurzeit besteht die Stadtverwaltung von Juba mit rund einer Million Einwohnern aus ihm und dem Bürgermeister. „Wir fangen bei null an“, sagt Oberst Lotconga, und entsprechend dürftig sind die Dienstleistungen. Gut, den Müll haben sie von den Straßen geräumt, weil sie dafür ein bisschen Geld hatten. Aber damit hat es sich dann auch. Und sie haben angefangen, Märkte zu besteuern und auch die Moped-Taxis, doch fehlt es ihnen an Mitarbeitern, die lesen und schreiben können.

          Staatsgründung: Im Stadtviertel „Hai Comercial” in der Hauptstadt Juba hisst ein Mann die Flagge von Südsudan

          Lotconga würde gerne die 300 städtischen Gebäude vermieten, um Einnahmen zu generieren, doch er hat niemanden, der sich auf die Verwaltung von Liegenschaften versteht. Er will einen öffentlichen Personennahverkehr schaffen, er will die Zahl der Krankenstationen in der Stadt vervierfachen, er will ein Kataster aufbauen, und er will sich, obwohl das eigentlich Sache der Provinzverwaltung ist, in die Stromversorgung einmischen. Weil ihm das alles nicht schnell genug geht. „Wenn ich nur genug qualifizierte Leute hätte“, seufzt der Oberst.

          Erst einmal laufen lernen

          Die Republik Südsudan wird an diesem Samstag offiziell ihre Unabhängigkeit von Sudan erklären. Juba ist die Hauptstadt der neuen Republik. Dafür haben die Südsudanesen 21 Jahre lang einen blutigen Krieg mit dem arabischen Norden Sudans geführt. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden getötet. Im Friedensvertrag zwischen Norden und Süden von 2005 war vereinbart worden, dass der Süden nach Ablauf von fünf Jahren per Referendum darüber abstimmen darf, ob er bleibt oder sich aus dem Sudan verabschiedet. Das Votum im vergangenen Januar war mit mehr als 90 Prozent an Deutlichkeit nicht zu übertreffen: Er verabschiedet sich. Jetzt ist Südsudan die jüngste Nation der Welt und steht vor dem Problem, erst einmal laufen lernen zu müssen.

          Eines hat Juba schon im Überfluss: Ministerien. An jeder Ecke im Stadtzentrum steht ein solches Gebäude und soll sagen: hier wird organisiert, und zwar effizient. Doch das täuscht. Südsudan hat keine funktionierende Verwaltung, keine funktionierenden Institutionen und erst recht keine kompetenten Beamten. „In den meisten Ministerien gibt es vielleicht zwanzig gute Leute. Da sind die Fahrer aber mit eingerechnet“, sagt ein Entwicklungsexperte, der lieber nicht namentlich genannt werden will.

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