https://www.faz.net/-gpf-8uw

Südsudan : Das Relikt von Konjo-Konjo

  • -Aktualisiert am

Ein Markt in der südsudanesischen Hauptstadt Juba Bild: dpa

Bereits vor der mutmaßlichen Sezession haben zahlreiche Kaufleute aus anderen Landesteilen Südsudan verlassen. Ein letzter Nordsudanese aber ist auf dem Markt von Juba noch zu finden. Wegziehen will er eigentlich nicht.

          Ob er aus Khartum stamme? Der hellhäutige Mann, der auf dem Markt von Konjo-Konjo gebrauchte Handys verkauft, lacht. „Nein, nein - wir Weiße hier sind alle aus Darfur“, sagt er. Ob er denn einen Händler kenne, der aus Khartum stamme? Der Mann überlegt. „Sicher“, sagt er, „früher war der halbe Markt in den Händen von Nordsudanesen. Aber inzwischen sind die alle zurück nach Khartum.“

          Es ist nicht leicht in diesen Tagen, in der südsudanesischen Hauptstadt Juba noch einen arabischstämmigen Sudanesen zu finden. Südsudan wird seit 2005 von einer autonomen Regierung verwaltet, die sich aus ehemaligen Rebellen zusammensetzt, und das laufende Referendum über die vollständige Unabhängigkeit hat die wenigen verbliebenen „Araber“ vollends verunsichert. Abdulkassim Mohamed Mahadi ist ein Relikt.

          Abdulkassim ist ein freundlicher Herr mit grauem Haar, Lesebrille und einem stattlichen Bauch. Abdulkassim handelt auf dem Markt von Konjo-Konjo mit Küchengeräten - mit Teekannen aus Zink, Plastikeimern, Zuckerdosen, Kohleöfen und allem anderen, was man braucht, wenn die Küche meist aus einem offenen Feuer vor der Hütte besteht. Sein Laden geht über Eck; er kann von zwei Seiten Kundschaft anlocken. Für die ansonsten beengten Verhältnisse auf dem Konjo-Konjo-Markt ist das eine exzellente Lage.

          Gehandelt wird, so lange es Licht gibt - und darüber hinaus.

          „Hier ist soviel zu tun, hier ist Platz für jeden“

          Abdulkassim stammt aus Khartum aus Omdurman, der Schwesterstadt von Khartum. Leider, radebrecht er in Englisch, spreche er die Sprache nicht so gut, ob die Ausländer denn kein Arabisch könnten? Der eilig auf der Straße angeheuerte Übersetzer entpuppt sich als ein Soldat der ehemaligen Rebellenarmee „Sudan People's Liberation Army“ (SPLA) und findet sofort Gefallen an der Idee, für einen Araber zu übersetzen. Dass sich da zwei Männer auf Arabisch unterhalten, die aufgrund ihrer schwierigen gemeinsamen Geschichte mit einem Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg und mehreren Millionen Toten eigentlich kein Wort mehr miteinander wechseln dürften, scheint den beiden gar nicht aufzufallen.

          Abdulkassim erzählt: Zwanzig Jahre sei er alt gewesen, als es ihn 1980 nach Juba zog, weil da so gut wie keiner aus dem Norden hinwollte. Zu rebellisch seien die Menschen, zu heiß die Gegend. Je weniger Händler, umso besser für mich, dachte sich Abdulkassim. Er lächelt bei der Erinnerung. Er hat den Krieg von 1983 bis 2005 erlebt, wenngleich aus Sicht der Südsudanesen auf der falschen Seite, und den Friedensvertrag von 2005, der mit dem Exodus der meisten seiner nordsudanesischen Händlerkollegen einherging.

          Er ist geblieben, weil er sich ausrechnete, im nunmehr autonomen Südsudan, wo es zwar plötzlich Geld aus den Öleinnahmen, aber keine Gebrauchsgüter gab, gute Geschäfte machen zu können. Die explosionsartige Ausdehnung des kleinen Juba zu einer ebenso schmutzigen wie betriebsamen Großstadt gab ihm Recht. „Die Geschäfte laufen gut, ich kann mich nicht beklagen“, sagt er.

          Einige seiner Güter bezieht er aus Khartum - wenn denn ein Schiff den Nil hinaufkommt. Das meiste aber kommt über Uganda und Kenia ins Land. Die Händler aus diesen beiden Ländern in Südsudan sind nicht mehr zu zählen, aber Abdulkassim fürchtet die Konkurrenz nicht. „Hier ist soviel zu tun, hier ist Platz für jeden“, sagt er.

          Angehörige der anderen Landeshälfte sind plötzlich Ausländer

          Hat er keine Angst, bei einer Unabhängigkeit des Südsudans in Juba nicht mehr erwünscht zu sein? Abdulkassim umgeht die Frage geschickt und spricht davon, der Süden habe natürlich das Recht, seine Zukunft selbst zu bestimmen. Andersherum gefragt: Wird er bleiben, wenn der Südsudan eine eigene Nation wird? „Natürlich bleibe ich hier, was soll ich da oben in Khartum“, sagt er. Dabei hatte der sudanesische Präsident Omar al Baschir angekündigt, alle Südsudanesen als Ausländer zu betrachten, sollte der Süden für die Unabhängigkeit votieren - der Süden wird es mit den Nordsudanesen wohl genauso handhaben.

          Eine Wirtschaftsunion mit freiem Personenverkehr hatte Baschir bei der Gelegenheit ebenfalls abgelehnt. Hat Abdulkassim sich bereits nach einer Aufenthaltsgenehmigung für Südsudan erkundigt? Der Händler versteht die Frage nicht. Der Übersetzer improvisiert: „Du brauchst unter Umständen bald einen Pass mit einem Stempel“, sagt er. Abdulkassim grinst. „Wozu? Ich fühle mich doch wie ein Südsudanese.“

          Weitere Themen

          Der korrupte Jesus Video-Seite öffnen

          Riesen-Statue in Lima : Der korrupte Jesus

          Eine Riesen-Statue von Jesus thront über der peruanischen Hauptstadt Lima. Doch der überdimensionale Messias ist nicht sehr beliebt. Die umgerechnet 712.000 Euro, die der Bau gekostet hat, stammen nämlich vom korrupten Geschäftsmann Marcelo Odebrecht.

          Kann die Justiz den Staat zwingen?

          Verwaltungsrecht : Kann die Justiz den Staat zwingen?

          Was für Möglichkeiten bietet das geltende Recht und auf welchem Wege kann die Effektivität verwaltungsgerichtlicher Verpflichtungsurteile gesteigert werden? Der Präsident des Bundesverwaltungsgerichts Klaus Rennert zur Durchsetzung verwaltungsgerichtlicher Entscheidungen.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.
          Ein Polizist mit Sprengstoffspürhund macht sich am Donnerstag auf den Weg zur Wohnung eines mutmaßlichen Gefährders.

          Razzia im Morgengrauen : Kölner Polizei setzt Islamisten fest

          Womöglich hat die Kölner Polizei mit ihrer Razzia einen islamistischen Anschlag verhindert. Einer der Männer plante nach eigenen Worten „den Aufstieg in die höchste Stufe des muslimischen Glaubens“. Die Ergebnisse der Durchsuchungen geben Anlass zu erhöhter Vorsicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.