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Südkorea : Wachstum durch Entspannung

  • -Aktualisiert am

Park Wo-soon ließ seine Amtseinführung „online“ stattfinden, die sonst übliche Zeremonie fiel aus Bild: AFP

Seoul hat einen neuen Oberbürgermeister. Der will in vielerlei Hinsicht anders sein. So etwas kommt an in einem Land, wo Politiker sehr schnell verdammt werden.

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          Das Büro des neuen Oberbürgermeisters von Seoul sieht aus wie das Hauptquartier einer Bürgerinitiative. Bürgermeister Park hat sich mit bunten und schiefen Regalen umgeben, Bücher und Vorlagen stapeln sich auf seinem Schreibtisch. Eine Pin-Wand ist bedeckt mit Zetteln, auf denen Unterstützer von Park ihre Wünsche für seine Amtsführung aufgeschrieben haben.

          Park Wo-soon will einiges umkrempeln in der Stadtverwaltung von Südkoreas Hauptstadt. Seine Amtseinführung hat er „online“ stattfinden lassen, die sonst übliche Zeremonie fiel aus. Mehr als 30.000 Euro habe der Steuerzahler dadurch gespart, versichern seine Mitarbeiter. Stattdessen gab es eine virtuelle Führung durch das Amt und die Bürger waren aufgerufen, ihre Kommentare gleich per Internet abzugeben. Tausende machten von dieser Möglichkeit Gebrauch.

          Der Hoffnungsträger

          Die Wahl des parteilosen Anwalts Park zum Bürgermeister der zehn Millionen-Metropole, in der ein Fünftel der Südkoreaner lebt, hat die Politik aufgeschreckt. Park konnte besonders Jungwähler hinter sich versammeln, und die haben mit seiner Wahl dem Establishment ihr Misstrauen ausgesprochen. Weder die regierende konservative Große Nationalpartei des Präsidenten Lee Myung-bak noch die oppositionelle Demokratische Partei üben derzeit Anziehungskraft auf die Wähler aus.

          Park Wo-soon, der bislang in Bürgerinitiativen und als Autor tätig war und sich für soziale Belange und mehr Partizipation in der Politik eingesetzt hat, erscheint vielen als Hoffnungsträger, als Saubermann und Idealist, der endlich Änderung bringen könnte. Park kennt die Sorgen der kleinen Leute in Seoul und weiß, die sozialen Medien zu nutzen. Das ist im Technik-verliebten Südkorea ein großer Vorteil.

          Nach vier Jahren der Regierung von Präsident Lee Myung-bak zeigen sich vermehrt soziale Probleme
          Nach vier Jahren der Regierung von Präsident Lee Myung-bak zeigen sich vermehrt soziale Probleme : Bild: dpa

          Seit den sechziger Jahren habe Südkorea sich nur auf den wirtschaftlichen Aufstieg konzentriert, sagt Park, das habe zu einem harten Wettbewerb geführt, der die Menschen erschöpft habe. Er wolle eine Umwelt schaffen, in der die Menschen auch entspannen könnten und so ein wirklich „nachhaltiges“ Wachstum schaffen.

          Solche Äußerungen finden Anklan. Nach vier Jahren der Regierung von Präsident Lee Myung-bak, der aus der Wirtschaft kam und nach Meinung seiner Kritiker das Land auch wie ein Unternehmen führt, zeigen sich vermehrt soziale Probleme. Zwar ist das Land international weiter aufgestiegen, es ist die zehntgrößte Wirtschaft der Welt und die siebtgrößte Handelsnation. Als stabile Demokratie ist Südkorea international anerkannt und aktiv.

          Hohe Studiengebühren

          Doch fühlen viele, dass die Allgemeinheit vom Aufstieg nicht profitiert hat. Die Kluft zwischen arm und reich ist gewachsen. Lee Myung-bak hatte versprochen, in seiner Amtszeit das Durchschnittseinkommen auf umgerechnet 40.000 Dollar zu erhöhen, doch es liegt immer noch bei 20.000 Dollar. Immer mehr Arbeitnehmer haben nur Teilzeitjobs ohne oder mit wenig sozialer Sicherung, die Preise für Konsumgüter sind gestiegen, die Einkommen stagnieren. Von allen OECD-Staaten gibt Südkorea am wenigsten für Soziales aus. Zu spüren bekommen das vor allem die Alten. 45 Prozent von ihnen gelten als arm, das ist der höchste Anteil bei den OECD-Ländern, doppelt so hoch wie beim Nachbarn Japan. Vor den kommunalen Küchen der Hauptstadt Seoul stehen jeden morgen tausende Ältere für ein kostenloses warmes Essen an.

          Großer Ausgabeposten für koreanische Familien sind die hohen Studiengebühren. Da ein Universitätsabschluss als unabdingbar gilt, stürzen sich Familien für die Ausbildung ihrer Kinder in Schulden. Doch heute führt diese Investition nicht mehr unbedingt zu einer guten Arbeitsstelle. Nur knapp über die Hälfte der Hochschulabsolventen findet eine Anstellung, viele landen erst einmal in schlecht bezahlten Mini-Jobs im Dienstleistungsgewerbe.

          Viele Familien stützen sich für die Ausbildung ihrer Kinder in Schulen, da ein Universitätsabschluss als unabdingbar gilt
          Viele Familien stützen sich für die Ausbildung ihrer Kinder in Schulen, da ein Universitätsabschluss als unabdingbar gilt : Bild: REUTERS

          Es war eine der ersten Amtshandlungen von Bürgermeister Park, die Studiengebühren der städtischen Seoul-Univeristät um die Hälfte zu senken. Außerdem hat er die Schulmittagessen kostenfrei gemacht. Die junge Generation fühle sich verloren, sagt Park. Sozialausgaben seien keine Geldverschwendung, sondern eine Investition in die Zukunft.

          Möglicher Präsidentschaftskandidat

          Der Bürgermeister muss aber zugeben, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, soziale Wohltaten zu verteilen. Die Stadt Soeul ist verschuldet. Park will durch die Einschränkung von großen Bau- und Infrastrukturprojekten Geld sparen. Auch das wird nicht einfach werden, denn vieles ist im Bau und kann nicht mehr angehalten werden.

          Parks Wahl scheint anzukündigen, dass sich im nächsten Jahr bei der Parlamentswahl im April und der Präsidentenwahl im Dezember ein Wechsel vollziehen wird. Park selbst war schon als möglicher Präsidentschaftskandidat im Gespräch. Mehr Chancen werden aber einem anderen unabhängigen Aktivisten eingeräumt, dem Software-Unternehmer und Hochschulrektor Ahn Cheol-soo, der den Anwalt Park im Rennen um das Bürgermeister-Amt unterstützt hat.

          Ahn ist eine Kult-Figur der Jugend. Der Arzt und Software-Unternehmer hat mit einem Anti-Viren Programm ein Vermögen verdient verteilt dies nun großzügig. Nach seinem Rückzug aus dem Unternehmen und spendete er Anteile im Wert von Millionen Euro an seine Angestellten. Jetzt hat er angekündigt, dass er einen Teil seines Vermögens für Kinder aus sozial schwachen Familien spenden wolle. Er erklärte seine Großzügigkeit mit Verantwortungsgefühl für die Allgemeinheit. Wenn morgen Präsidentschaftswahlen wären, so ergaben Umfragen, würde Ahn, der keiner Partei angehört und noch gar keine politischen Absichten erklärt hat, die Mehrheit der Stimmen erhalten.

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