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Protest gegen Schulkinder : Die Ängste der chinesischen Mittelklasse

Hartes Leben: Wanderarbeiter am Bahnhof von Suzhou Bild: Getty

In Suzhou werden Kinder von Wanderarbeitern in einer städtischen Schule unterrichtet – das ruft heftige Proteste hervor.

          4 Min.

          Im südchinesischen Suzhou hat das neue Schuljahr mit einem Eklat begonnen, der einiges über die Ängste der chinesischen Mittelklasse verrät. Anlass für den Aufruhr war ein Beschluss der staatlichen Qinxi-Grundschule, deren Schüler aus gutsituierten Familien kommen. Die Schulleitung verfügte, einen leerstehenden Gebäudetrakt an eine Schule für sozial schwache Kinder von Wanderarbeitern zu vermieten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Aufgebrachte Eltern drohten daraufhin mit einem Schulboykott. Bei einer Demonstration vor der Stadtverwaltung kam es zu turbulenten Szenen. Die Polizei führte mehrere Eltern ab, eine Mutter wurde für einen Tag in Haft genommen. Ruhe kehrte erst ein, als die Schulverwaltung versicherte, dass die Kinder der beiden Schulen einander nicht begegnen würden. Blickdichte Trennwände wurden aufgestellt, ein zweiter Eingang zum Schulgebäude errichtet und Tore mit Eisenketten gesichert. Während der Pausen dürfen die Kinder der Wanderarbeiter-Schule das Gebäude nicht verlassen. Zum Spielen bleibt ihnen nur der Gang vor den Klassenzimmern, während die wohlhabenderen Kinder von Qinxi auf dem Schulhof herumlaufen. Die Direktorin Jiang Lijun erklärt das so: „Ein relativ unabhängiger Raum erleichtert es mir, die Schule zu verwalten und Qinxi als Marke zu fördern, insbesondere seinen einzigartigen kulturellen Geist.“

          „Unschuldiger“ als vermutet

          In den sozialen Netzwerken wurde die geteilte Schule von Suzhou zum Sinnbild für den ungleichen Kampf um Bildungsressourcen in China. Doch sie steht auch noch für einen anderen Trend: Im Wettbewerb um Arbeitskräfte bemühen sich immer mehr mittelgroße Städte wie Suzhou, den diskriminierten Wanderarbeitern einen neuen Gesellschaftsvertrag anzubieten. Die Mittelschicht sieht ihre Privilegien in Gefahr.

          Eine Mutter, die gerade ihre Tochter in die Qinxi-Grundschule gebracht hat, sagt: „Wir hatten die Befürchtung, dass die Wanderarbeiterkinder einen schlechten Einfluss auf unsere Kinder haben würden.“ Es ist halb acht Uhr morgens. Vor der Schule fahren Audis und Volkswagen vor. Im Internet kursierten Berichte über die Lixin-Schule, die ursprünglich fünf Kilometer entfernt in einem Wohngebiet für Wanderarbeiter angesiedelt war. Der Mietvertrag lief aus, und die Schule musste weichen. „Es gab Berichte über Schlägereien und eine Veranstaltung zur Drogenprävention. Das klang, als habe es dort Probleme gegeben.“ Aber inzwischen habe sie sich die Kinder „auf der anderen Seite“ angeschaut. „Sie sind anders, als wir dachten. Unschuldig“, sagt die Frau, die sich mit ihrem englischen Namen als Emily vorstellt. Gemeinsame Aktivitäten der Kinder sind für sie dennoch undenkbar.

          Ein Häuserkauf für die Schullaufbahn

          „Wir verstehen, dass die Regierung allen gleiche Bildungschancen geben will“, sagt eine andere Mutter. „Aber wir wollen, dass die Regeln befolgt werden.“ Die Regeln besagen, dass nur solche Familien einen Platz an der angesehenen Qinxi-Schule bekommen, die Wohneigentum in dem Schulbezirk nachweisen können. Die meisten Familien sind aus genau diesem Grund hierhergezogen. Sie haben viel Geld in die Zukunft ihrer Kinder investiert. Denn sie sind überzeugt, dass schon in der ersten Klasse die Weichen für die Karrierechancen ihrer Kinder gestellt werden. Wer an der Qinxi das Einmaleins lernt, hat Aussichten auf eine gute weiterführende Schule, eine gute Uni, einen guten Job. Um diese Investition fühlen sich die Eltern nun geprellt. „Wir haben ein großes Haus im Umland“, sagt Hu Lijun. „Aber dort gibt es nicht so gute Englischlehrer.“ Deshalb hätten sie hier für viel Geld ein weiteres gekauft. „Sobald unser Sohn aus der Schule ist, werden wir es wieder verkaufen. So machen es die meisten Eltern.“ Die Mutter ärgert sich darüber, dass die Ansiedlung der Wanderarbeiter-Schule erst so spät bekanntgegeben wurde. Denn da sei es schon zu spät gewesen, ihren Sohn in einer anderen Schule anzumelden – im Umkreis des dritten Hauses der Familie.

          Hu Lijun verbringt viel Zeit damit, ihren Sohn beim Lernen zu unterstützen und ihn zu außerschulischen Kursen zu bringen. „Die Eltern hier legen viel Wert darauf, dass ihre Kinder später studieren und ins Ausland gehen“, sagt sie. Bei den Eltern auf der anderen Seite des Zauns sei das wohl eher nicht so.

          „Sonst wären wir wieder getrennt worden“

          Es sind nur dreihundert Meter zum Eingang von Lixin, doch dazwischen liegen Welten. Hier kommen die Eltern mit Elektrorollern, englische Namen haben sie nicht. Es ist kurz vor 15 Uhr. Wu Yanping wartet vor dem Tor auf ihre Zwillinge. Sie arbeitet in einer Fabrik und ist heilfroh, dass die Lixin-Schule hier eine neue Bleibe gefunden hat. „Sonst wären wir wieder getrennt worden“, sagt sie.

          Denn Wanderarbeiter wie Frau Wu haben in der Stadt, in der sie arbeiten, keinen Anspruch auf einen Schulplatz für ihre Kinder. Das ist die Logik des Hukou-Systems, das Zuzügler aus ländlichen Gegenden noch immer als Landbewohner registriert, selbst wenn sie schon Jahre oder Jahrzehnte in einer Stadt leben. Die rasante Urbanisierung hat das System zu einem dysfunktionalen Monstrum werden lassen. Fast ein Fünftel der Bevölkerung wird dadurch benachteiligt. Doch es einfach abzuschaffen würde die Sozialsysteme überlasten. Die Folge: Mehr als neun Millionen Kinder wachsen nicht bei ihren Eltern, sondern bei den Großeltern auf dem Land auf. Auch bei Familie Hu war das lange so. „Es hat uns entfremdet“, sagt die Mutter. „Das hätte ich nicht noch einmal ertragen.“

          Weniger leistungsbezogener Fokus

          Das prosperierende Suzhou braucht Leute wie Wu Yanping. Nach Shenzhen ist Suzhou die Stadt mit dem zweithöchsten Anteil an Wanderarbeitern. Er liegt bei mehr als fünfzig Prozent. Die Bildungsbehörde teilt auf Anfrage mit: „Der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage für Bildungsressourcen stellt Suzhou vor ernste Herausforderungen.“ So habe die Stadt eine Quote für Wanderarbeiter-Kinder an staatlichen Schulen eingeführt. Noch sind es aber nur 16.200 Plätze. Das reicht bei weitem nicht aus. Frau Wu blieb damit nur die private Lixin-Schule, die im Jahr umgerechnet 340 Euro Schulgeld verlangt. Noch dazu sind solche Privatschulen häufig von geringer Qualität. Doch der Umzug in die leeren Räume der Qinxi-Schule bedeutet eine große Verbesserung: Die Klassengröße sank von 60 auf 40 Schüler. Die Gebühren wurden halbiert. Auch das ist Teil der Reformbemühungen der Stadt, die nach eigenen Angaben die Qualitätsstandards für 75 Wanderarbeiter-Schulen erhöht hat.

          Frau Wus Träume für die Zukunft ihrer Kinder sind nicht sehr ambitioniert. „Das wichtigste ist, dass sie glücklich und gesund sind“, sagt sie. Den Eifer der Eltern von der Nachbarschule kann sie nicht nachvollziehen. „So viele College Studenten begehen Selbstmord“, sagt sie. „Wofür?“ Und wie sieht es aus mit außerschulischen Kursen oder Hausaufgabenhilfe? „Mein Mann sagt, die Kinder sollen in der Schule lernen, was es zu lernen gibt. Das reicht.“ Damit bestätigt Frau Wu die schlimmsten Albträume der Eltern von Qinxi.

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