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Protest gegen Schulkinder : Die Ängste der chinesischen Mittelklasse

Hu Lijun verbringt viel Zeit damit, ihren Sohn beim Lernen zu unterstützen und ihn zu außerschulischen Kursen zu bringen. „Die Eltern hier legen viel Wert darauf, dass ihre Kinder später studieren und ins Ausland gehen“, sagt sie. Bei den Eltern auf der anderen Seite des Zauns sei das wohl eher nicht so.

„Sonst wären wir wieder getrennt worden“

Es sind nur dreihundert Meter zum Eingang von Lixin, doch dazwischen liegen Welten. Hier kommen die Eltern mit Elektrorollern, englische Namen haben sie nicht. Es ist kurz vor 15 Uhr. Wu Yanping wartet vor dem Tor auf ihre Zwillinge. Sie arbeitet in einer Fabrik und ist heilfroh, dass die Lixin-Schule hier eine neue Bleibe gefunden hat. „Sonst wären wir wieder getrennt worden“, sagt sie.

Denn Wanderarbeiter wie Frau Wu haben in der Stadt, in der sie arbeiten, keinen Anspruch auf einen Schulplatz für ihre Kinder. Das ist die Logik des Hukou-Systems, das Zuzügler aus ländlichen Gegenden noch immer als Landbewohner registriert, selbst wenn sie schon Jahre oder Jahrzehnte in einer Stadt leben. Die rasante Urbanisierung hat das System zu einem dysfunktionalen Monstrum werden lassen. Fast ein Fünftel der Bevölkerung wird dadurch benachteiligt. Doch es einfach abzuschaffen würde die Sozialsysteme überlasten. Die Folge: Mehr als neun Millionen Kinder wachsen nicht bei ihren Eltern, sondern bei den Großeltern auf dem Land auf. Auch bei Familie Hu war das lange so. „Es hat uns entfremdet“, sagt die Mutter. „Das hätte ich nicht noch einmal ertragen.“

Weniger leistungsbezogener Fokus

Das prosperierende Suzhou braucht Leute wie Wu Yanping. Nach Shenzhen ist Suzhou die Stadt mit dem zweithöchsten Anteil an Wanderarbeitern. Er liegt bei mehr als fünfzig Prozent. Die Bildungsbehörde teilt auf Anfrage mit: „Der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage für Bildungsressourcen stellt Suzhou vor ernste Herausforderungen.“ So habe die Stadt eine Quote für Wanderarbeiter-Kinder an staatlichen Schulen eingeführt. Noch sind es aber nur 16.200 Plätze. Das reicht bei weitem nicht aus. Frau Wu blieb damit nur die private Lixin-Schule, die im Jahr umgerechnet 340 Euro Schulgeld verlangt. Noch dazu sind solche Privatschulen häufig von geringer Qualität. Doch der Umzug in die leeren Räume der Qinxi-Schule bedeutet eine große Verbesserung: Die Klassengröße sank von 60 auf 40 Schüler. Die Gebühren wurden halbiert. Auch das ist Teil der Reformbemühungen der Stadt, die nach eigenen Angaben die Qualitätsstandards für 75 Wanderarbeiter-Schulen erhöht hat.

Frau Wus Träume für die Zukunft ihrer Kinder sind nicht sehr ambitioniert. „Das wichtigste ist, dass sie glücklich und gesund sind“, sagt sie. Den Eifer der Eltern von der Nachbarschule kann sie nicht nachvollziehen. „So viele College Studenten begehen Selbstmord“, sagt sie. „Wofür?“ Und wie sieht es aus mit außerschulischen Kursen oder Hausaufgabenhilfe? „Mein Mann sagt, die Kinder sollen in der Schule lernen, was es zu lernen gibt. Das reicht.“ Damit bestätigt Frau Wu die schlimmsten Albträume der Eltern von Qinxi.

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