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Krise in Südamerika : Nach dem goldenen Jahrzehnt

  • -Aktualisiert am

Anhänger der venezolanischen Regierung demonstrieren in Caracas Bild: EPA

Generalstreik, hohe Geldentwertung, gewaltsame Proteste: Viele Länder Lateinamerikas stecken in tiefen politischen und wirtschaftlichen Krisen. Hohe Öleinnahmen erweisen sich mehr als Fluch denn als Segen. Doch das ist nicht das einzige Problem.

          Südamerika wird von Katastrophen erschüttert. In Chile wüteten über Wochen Waldbrände, viele Hektar Weinberge und Obstplantagen wurden vernichtet, und danach wurde die Hauptstadt Santiago von Überschwemmungen heimgesucht. In Peru verursachten sintflutartige Regenfälle an der Pazifik-Küste verheerende Überflutungen und Schlammlawinen; mehr als hundert Menschen starben, 200.000 verloren ihre Häuser, 2000 Kilometer Straßen und mehr als 170 Brücken wurden zerstört. Im Südwesten Kolumbiens riss eine Schlamm- und Gerölllawine in der Stadt Mocoa in einer einzigen Nacht mehr als 300 Menschen in den Tod.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Diese Naturkatastrophen sind zum guten Teil vom Menschen verursacht. Der Klimawandel verstärkt das periodisch wiederkehrende Wetterphänomen „El Niño“, erhöhte Temperaturen im Oberflächenwasser des Pazifiks mit extremen Niederschlägen während der Regensaison. Zudem nimmt der Boden am Fuß der Anden als Folge von Abholzung weniger Niederschläge auf, was die Flüsse bei Starkregen immer öfter über die Ufer treten lässt. Schließlich breiten sich unkontrolliert wachsende Städte bis in unmittelbare Ufernähe oder in überflutungsgefährdetes Schwemmland aus.

          Einzig auf menschliches Versagen sind aber die wirtschaftlichen und politischen Krisen zurückzuführen, die fast alle Länder der Region erfasst haben. Nur noch ferne Erinnerung sind der kräftige Wachstumsschub, die ansteckende Zuversicht und der weit in die Zukunft ausgreifende Optimismus des ersten Jahrzehnts nach dem Millenniumswechsel. Es war das „goldene Jahrzehnt“ Lateinamerikas, mit sehr hohen Weltmarktpreisen für Erdöl, Bodenschätze und Agrarprodukte. Bei der „roten Welle“ um das Jahr 2000 gelangten Linksregierungen an die Macht, die die Exporterlöse mit vollen Händen für Sozialprogramme ausgaben. Die Erfolge bei der Armutsbekämpfung sind unbestreitbar: Das verfügbare Einkommen der Armen stieg kräftig, viele Familien der Unterschicht konnten sich erstmals ein Flachbildfernsehgerät oder ein Auto leisten.

          Die Zukunft leuchtete dank sozialer Regierungen

          Die gute Wirtschaftsentwicklung sorgte auch für politisch stabile Verhältnisse. Von Argentinien, Uruguay und Brasilien über Bolivien und Peru bis nach Ecuador und Venezuela wurden linke Regierungen über mehrere Amtsperioden hinweg in demokratischen Wahlen bestätigt, oft mit klaren Mehrheiten. Auf der Höhe ihrer Macht waren Staatschefs wie Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien, Néstor und Cristina Fernandez de Kirchner in Argentinien, José Mujica in Uruguay, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador und Hugo Chávez in Venezuela als Potentaten und Wohltäter ihrer Nationen unangefochten. Die Zeiten wiederkehrender Putsche, rascher Regierungswechsel, kurzen Zyklen von Boom und Krise schienen vorüber. Südamerika stand im globalen Vergleich gut da. Die Zukunft leuchtete.

          Heute aber sieht es fast überall düster aus. Der Preisverfall bei Erdöl, Erzen und Agrarprodukten stürzte die Volkswirtschaften fast aller Länder Lateinamerikas in die Krise. Wo sich linke Regierungen behaupten konnten, ist ihre Machtbasis radikal geschrumpft, und wo rechte Regierungen an die Macht kamen, sehen sie ihren Rückhalt bei den Wählern schon wieder dahinschmelzen, weil die Überwindung der Rezession Zeit braucht.

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