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Südafrika : Ein langer Arbeitskampf endet im Blutbad

  • -Aktualisiert am

Bewaffnete Bergarbeiter in Marikana: Nüchtern betrachtet, fällt das Massaker nur wegen der hohen Zahl an Opfern aus dem Rahmen, nicht aber wegen der angewandten Methoden Bild: dpa

„Das ist das Erbe der Apartheid“: In Südafrika ist Gewalt ein fester Bestandteil von sozialen Protesten. Daran wird auch das Massaker von Marikana nichts ändern.

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          „Der Typ mit der Axt?“ Joseph Buhlungu schnaubt verächtlich. „Das war ein Verräter, der hat bekommen, was er verdient.“ Joseph Buhlungu ist einer der etwa 3000 Felsbohrer, die am 10. März den wilden Streik um mehr Lohn in der Platinmine in Marikana, Südafrika, begonnen hatten. Dabei kamen innerhalb von acht Tagen 44 Menschen ums Leben. Der „Typ mit der Axt“ war eines der ersten Opfer. Ein Bergarbeiter, der nicht streiken wollte. Dafür hatten ihm seine Kollegen mit einem wuchtigen Axthieb den Schädel gespalten. Dann hatten sie ihm 17 Stichwunden in der Brust beigebracht und die Leiche anschließend so drapiert, als sei sie gerade vom Kreuz genommen worden. Einen ganzen Tag hatte der Tote mit ausgebreiteten Armen auf dem Hügel gelegen, den sich die streikenden Bergarbeiter als Hochsitz ausgesucht hatten. Als Warnung.

          Das blutige Ende des Streiks um die zum britischen Lonmin-Konzern gehörende Platinmine in der Provinz North-West war das schlimmste Massaker in Südafrika seit dem Ende der Apartheid 1994. Zehn Menschen, darunter zwei Polizisten, die mit Macheten in Stücke gehauen wurden, zwei Wachmänner der Mine, die bei lebendigem Leib verbrannt wurden, und sechs Arbeiter kamen bei Kämpfen rivalisierender Gewerkschaften um. Als die Polizei den wilden Streik schließlich gewaltsam beenden wollte, eskalierte der Arbeitskampf endgültig: Die mit Speeren, Macheten, Keulen und in mindestens zwei Fällen auch Pistolen bewaffneten Streikenden griffen die Sicherheitskräfte an, die schossen in Todesangst um sich und töteten weitere 34 Menschen. Seither fragt sich eine erschütterte Regenbogennation, wie es passieren konnte, dass ein Arbeitskampf in einem solchen Blutbad endete.

          Figuren auf einem Schachbrett

          Joseph Buhlungu ist 47 Jahre alt, sieht aber aus wie 60. Seine Stirn, die Wangen, Hände und seine muskulösen Unterarme sind von dicken, schorfigen Narben verunstaltet. „Das kommt von dem splitternden Gestein“, sagt er. Felsbohren ist der gefährlichste Job in der Mine. Mit schweren Pressluftbohrern, die teilweise über Kopf bedient werden, brechen die Kumpel untertage den Fels, in dem das wertvolle weiße Metall steckt. Ständig kommt es zu Unfällen. Tatsächlich herrschen in der südafrikanischen Bergbauindustrie teilweise immer noch Zustände wie im Frühkapitalismus. Josephs Lebensumstände sind dafür das beste Beispiel.

          Er wohnt in einer Wellblechbude, hastig zusammengenagelt, windschief und dreckig. Der Boden besteht aus festgetretener Erde, durch die Ritzen der Bleche pfeift der Wind. In einer Ecke steht ein wackliges Bett, daneben ein Kanister mit Wasser und eine Waschschüssel. Ein ausrangierter Metallspind dient als Kleiderschrank. Draußen auf der unbefestigten Straße streunen Hunde durch den Müll. Es gibt zwar Strom in dem Slum nahe der Platinmine, aber weder fließendes Wasser noch Toiletten.

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