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Sudetendeutscher Tag : Auf dem langen Marsch zum Dialog

  • -Aktualisiert am

Der bayerische Ministerpräsident Seehofer auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg Bild: REUTERS

Die Sudetendeutschen lassen sich durch scharfe Worte aus Prag nicht beirren - es überwiegt die Hoffnung, dass mit den guten Kontakten, die zwischen Vertriebenen und Tschechen gepflegt werden, auch in die große Politik Bewegung kommt.

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          Eine überraschende Autorität ist auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg bemüht worden: der Große Vorsitzende Mao Tse-tung. „Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt machen“ - mit diesem Zitat Maos schlug Franz Pany den Grundakkord an, der das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Augsburg prägte. Unüberhörbar war in allen Reden, die in der Fuggerstadt gehalten wurden, dass mit dem Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der Tschechischen Republik im vergangenen Dezember zwar keine Zeitenwende für die Sudetendeutsche verbunden ist: Dass es aber Hoffnung gibt, dass nach den vielfältigen guten Kontakten, die längst zwischen Sudetendeutschen und Tschechen gepflegt werden, auch in die große Politik Bewegung kommt.

          Niemand habe erwarten können, dass die Tschechen bei der Reise Seehofers die Benes-Dekrete zerrissen, sagte Pany, der Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft ist. Seehofers Besuch, die erste offizielle Visite eines bayerischen Ministerpräsidenten im Nachbarland, sei aber ein erster Schritt „mit sicherem Tritt“, auf dem sich aufbauen ließe. Beifallstürme erntete Pany mit dieser nüchternen Feststellung in der Schwabenhalle auf dem Augsburger Messegelände nicht; in den vergangenen Jahren waren auf den Sudetendeutschen Tagen hohe Erwartungen geweckt worden - auch von bayerischen Ministerpräsidenten, die Schirmherren der Volksgruppe sind, die nach der Vertreibung in Bayern heimisch geworden ist.

          Vor allem Edmund Stoiber ließ die Muskeln gegenüber den tschechischen Regierungen spielen - freilich mehr in Worten als in Taten. Seine Botschaft, er werde so lange nicht den Boden des Nachbarlands betreten, bis Prag die Benes-Dekrete aufhebe - auf ihrer Grundlage wurden die Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg entrechtet, enteignet und vertrieben -, schwächte er immer mehr ab. Schließlich blieb nur das Versprechen übrig, er werde nicht ohne Repräsentanten der Sudetendeutschen ins Nachbarland reisen, was angesichts der Weigerung der Prager Regierung, mit der Landsmannschaft in einen Dialog zu treten, allerdings mehr war als eine protokollarische Petitesse. Seehofer löste schließlich Stoibers Versprechen ein: Der Ministerpräsident wurde im Dezember in Prag von Bernd Posselt, dem Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, begleitet - und konnte dafür in Augsburg das Lob ernten, er habe Wort gehalten.

          Sudetendeutsche in traditioneller Kluft auf dem Pfingsttreffen
          Sudetendeutsche in traditioneller Kluft auf dem Pfingsttreffen : Bild: REUTERS

          Das Wort „Benes-Dekrete“ nahm er nicht in den Mund

          Seehofer wurde auch dafür gerühmt, er habe „kein Jota“ der „essentiellen Positionen“ der Volksgruppe aufgegeben. Wie solche Prinzipienfestigkeit in diplomatischem Gewand ausschauen kann, verbarg Seehofer auf dem Sudetendeutschen Tag nicht; nur beiläufig erwähnte er, dass in der Tschechischen Republik „Rechtsauffassungen“ bestünden, die nicht in die europäische Werteordnung passten - das Wort Benes-Dekrete nahm er nicht in den Mund.

          Kaum weniger diplomatisch fiel auf dem Sudetendeutschen Tag die Replik auf Störfeuer aus der Prager Burg, dem Amtssitz des tschechischen Präsidenten Václav Klaus, aus. Klaus stieß sich daran, dass Pany in Augsburg den Blick ein wenig geweitet hatte und auf den Besuch der Königin Elisabeth II. in Irland eingegangen war, der es gelungen sei, mit wohlgesetzten Worten des Bedauerns und Mitgefühls einen Neuanfang im britisch-irischen Verhältnis zu setzen. Was hindere Klaus daran, einen solchen Schritt auf die Sudetendeutschen hin zu unternehmen, fragte Pany.

          „Außerordentliche Gefühllosigkeit und Unbelehrbarkeit“

          Das Anlegen der royalen Elle raubte Klaus die präsidiale Kontenance: Er erregte sich in Prag darüber, dass die Worte Panys in die Tage fielen, in denen sich das Verbrechen von Lidice jährt. Die Sudetendeutschen zeichne eine „außerordentliche Gefühllosigkeit und Unbelehrbarkeit“ aus. Im Zweiten Weltkrieg hatten die deutschen Besatzer im tschechischen Lidice die Männer des Ortes ermordet und ihre Frauen und Kinder verschleppt. Die Sudetendeutschen ließen sich in Augsburg nicht in den Erregungsstrudel des tschechischen Präsidenten ziehen.

          Posselt, der CSU-Europaabgeordneter ist, erinnerte in kühler Diktion daran, dass er im vergangenen Jahr bei einem Besuch, den er mit dem bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle im Nachbarland unternahm, als erstes die Toten in Lidice geehrt habe - vor den Opfern im Konzentrationslager Theresienstadt und in Aussig (Ustí nad Labem). In Lidice seien Menschen ermordet worden, weil sie Tschechen gewesen seien, in Theresienstadt, weil sie Juden gewesen seien, in Aussig, weil sie Deutsche gewesen seien.

          In diplomatisch wohltemperierter Weise wurde in Augsburg auch formuliert, was die Sudetendeutschen von der tschechischen Regierung erhoffen - und was kaum als Überforderung gelten kann, geschweige denn als Ausdruck von Unbelehrbarkeit. Die Landsmannschaft ehrte den früheren slowakischen Staatspräsidenten Rudolf Schuster, einen Karpatendeutschen, mit dem Europäischen Karlspreis. Posselt pries die slowakische Regierung dafür, dass sie einen direkten Kontakt mit den vertriebenen Karpatendeutschen pflege und sich nicht wie Prag auf den Satz zurückziehe, mit „Vereinen“ spreche eine Regierung nicht. Dieses Beispiel sollte auch jenen Mut machen, die noch Angst vor einem direkten Dialog hätten, sagte Posselt.

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