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Sudan : Ein zweites Ruanda?

  • -Aktualisiert am

Seit drei Jahren schon wüten arabische Reitermilizen in Darfur Bild: REUTERS

Unter den Augen der Weltöffentlichkeit verschärfen sich die Konflikte in Sudan. Für die Bevölkerung wird die Gewalt zusehends unerträglicher. Dabei wollten die Vereinten Nationen nach den Massakern in Ruanda nie wieder untätig bei einem Völkermord zusehen.

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          Immer beunruhigender klingen die Nachrichten aus den Problemzonen Sudans. Seit drei Jahren vollzieht sich in der Westprovinz Darfur Schreckliches, sterben Zigtausende entweder durch die Gewalt, die im Namen der Zentralregierung in Khartum von den arabischen Reitermilizen der Dschandschawid ausgeübt wird, oder durch Krankheiten in den Flüchtlingslagern. Längst ist auch das Nachbarland Tschad in Mitleidenschaft gezogen worden, haben die Kämpfe sporadisch auf dessen Osten übergegriffen.

          Immer lauter werden auch die Stimmen jener, die davor warnen, noch länger die Augen vor dem Völkermord in Darfur zu verschließen und nichts zu tun, zumal sich der Westen und auch die Vereinten Nationen vorgenommen hatten, es niemals mehr zu einem „zweiten Ruanda“ kommen zu lassen. In diesem kleinen afrikanischen Staat waren unter den Augen der Weltöffentlichkeit in kurzer Zeit 800.000 Menschen ermordet worden.

          Gegensätze zwischen den Religionsgemeinschaften

          Die bisherigen Bemühungen der Afrikaner selbst, mit Soldaten einer Eingreiftruppe Darfur zu befrieden, haben sich als weitgehend erfolglos erwiesen. In Tschad sind es die Franzosen, die ehemalige Kolonialmacht, die dort Schutzfunktionen ausüben - zugunsten des amtierenden Präsidenten Idriss Déby und natürlich auch um der eigenen politischen und ökonomischen Interessen willen.

          Wie in so vielen Krisen verbirgt sich auch beim sudanischen Konflikt hinter den ethnischen und/oder religiösen Spannungen wirtschaftliches Interesse. In Darfur spielt die Religion keine Rolle, da die Bewohner dieser Provinz Muslime sind wie die Sudaner in Khartum.

          Im Konflikt mit dem Süden Sudans, der nach vielen Jahren eines blutigen Bürgerkrieges beigelegt werden konnte, aber anscheinend wieder aufzuflammen scheint, sind es auch Gegensätze zwischen den Religionsgemeinschaften, die zusätzlich für Feindschaft sorgen, Animositäten zwischen der arabisierten Muslim-Bevölkerung im Norden, die das gesamte Land beherrschen will, und den christlichen Sudanern oder Naturreligionen huldigenden Bewohnern des Südens mit ihren Stammesstrukturen.

          Griff nach den Einkommen aus dem Ölgeschäft

          Die Konstante all dieser Konflikte ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr der Kampf um das Öl geworden. Er hat auch die seit Präsident Numairi aufgebrochenen Gegensätze verschärft, doch auch Tschad, eines der ärmsten Länder der Welt, ist seit einiger Zeit unter die Erdölproduzenten geraten.

          Die dortige Unruhe, Spannungen zwischen dem Regime und der Opposition, die vor einigen Monaten mit Hilfe der französischen Streitkräfte zugunsten der „Stabilität“, sprich des Präsidenten Déby fürs erste beruhigt werden konnten, haben mit dem Griff nach den Einkommen aus dem Öl zu tun. Aufständische wollten damals das tschadische Staatsoberhaupt stürzen.

          In Sudan, das nicht zu den klassischen Erdölstaaten der Region gehörte, befinden sich die ergiebigsten Ölquellen in jenem „unbotmäßigen“ Süden des Landes, der davon auch besonders zu profitieren hofft. Andererseits wird auch der Drang des Regimes von Präsident Omar al Baschir in der Hauptstadt Khartum, trotz der vertragsmäßigen Beendigung des Bürgerkrieges selbst noch größeren Zugriff auf dieses Erdöl zu haben, erklärbar.

          Chinesische Klientelpolitik

          Was die Situation nicht einfacher macht, ist die Tatsache, daß sich der Wettkampf um das Erdöl gerade auch in dieser Region durch das Hinzukommen von neuen Teilnehmern und Konkurrenten intensiviert hat. Dies gilt besonders für China, dessen bevorstehender Aufstieg zur Großmacht, der nur auf der Grundlage einer massiven Industrialisierung stattfinden kann, nicht zuletzt vom nahöstlichen Erdöl abhängt.

          Die Beziehungen Pekings zu dem Regime in Khartum sind denn auch gut und fügen sich in das schon seit geraumer Zeit laufende wirtschaftliche und politische Engagement der Chinesen auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt. Möglicherweise hätten schon energischere Schritte zur Beilegung des Konflikts in Darfur unternommen werden können, wenn Präsident Baschir nicht die Unterstützung Pekings sicher wäre.

          Es zeigt sich, daß China, wenn es um seine ökonomischen Interessen geht, in den Ländern der Dritten Welt eine ähnliche Klientelpolitik betreibt, wie man das früher den westlichen Kolonialmächten nicht ohne Grund vorwarf. Nicht zu unterschätzen ist freilich auch, daß Sudan mit seinen etwa zweieinhalb Millionen Quadratkilometern Fläche noch größer ist als Kongo. Ob dieser auch geographisch-klimatisch und besonders ethnisch so vielfältige größte Flächenstaat Afrikas zwischen dem zweiten Nil-Katarakt im Norden und der Äquatorialregion im Süden überhaupt einigermaßen ordentlich zu regieren ist, bleibt fraglich.

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