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Sturm aufs Kapitol : „Tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!“

Sichtlich angegriffen: Die Polizisten, die ihren Einsatz beim Angriff auf das Kapitol am 6. Januar schilderten. Bild: AP

Wer plante den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar, und wie viel Verantwortung trägt Donald Trump? Das soll ein Untersuchungsausschuss klären. Bei der ersten Sitzung riefen Aussagen von Polizisten die Brutalität in Erinnerung.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          „Sie haben mich geschlagen, gepackt, mit Tasern attackiert, während sie mich einen Verräter an meinem Land nannten.“ Polizist Michael Fanone war zunächst gefasst, als er seine Aussage über den 6. Januar vorlas. Am ersten Tag der Anhörung zur Attacke auf das Kapitol berichteten er und drei weitere Sicherheitsbeamte, wie Hunderte Rechtsradikale und Trump-Anhänger in das Parlamentsgebäude eingedrungen waren und sie angegriffen hatten. Fanone erinnerte sich am Dienstag, wie jemand rief: „Tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!“

          Dass der Polizist überlebte, sei wie ein Wunder für ihn und seine Familie: Er hatte einen Herzinfarkt und eine Gehirnerschütterung, verlor das Bewusstsein. Vor den Abgeordneten und den Kameras zeigte der Beamte, wie nah ihm die Attacke immer noch geht – und wie wütend die Haltung vieler Trump-Anhänger und Politiker ihn macht. Fanone schlug mit der Hand auf den Tisch und erhob die Stimme, als er rief: „Die Gleichgültigkeit gegenüber meinen Kollegen ist widerwärtig!“ Nichts habe ihn auf die Konfrontation mit Politikern vorbereitet, die die Ereignisse  verharmlosten. Indem sie leugneten, was am 6. Januar passiert sei, übten Mitglieder des Kongresses Verrat an ihrem Amtseid. „Die selben Abgeordneten, für deren Leben, Büros und Mitarbeiter ich so verzweifelt kämpfte“, sagte Fanone.

          Harry Dunn, ein schwarzer Beamter der Kapitol-Polizei, erinnerte sich an rassistische Attacken der Angreifer, die unter anderem das N-Wort gerufen hätten. „Für mich ist der 6. Januar mehr als sechs Monate danach nicht vorbei“, sagte er. Die seelischen und körperlichen Folgen hielten für ihn und viele Kolleginnen und Kollegen immer noch an.

          Gegen die Verharmlosung

          Die Anhörung dauerte insgesamt drei Stunden und bildete den Auftakt zur Untersuchung der genauen Umstände, die zu der Attacke aufs Kapitol am 6. Januar geführt haben. Die emotionalen und anschaulichen Aussagen der Polizisten sowie bislang nicht gezeigte Video-Ausschnitte sollten die Schwere der Vorgänge in Erinnerung rufen.

          Nach wie vor verharmlosen viele Konservative die Gewalt als spontan außer Kontrolle geratene Demonstration. Trump hatte seine Anhänger monatelang mit Lügen über vermeintlichen „Wahlbetrug“ aufgewiegelt – in Washington hatte er sie schließlich dazu aufgefordert, zu „kämpfen wie der Teufel“. Da hatten sich rechte Gruppierungen wie die „Proud Boys“ bereits wochenlang online zum „Sturm“ aufs Kapitol verabredet.

          Das Gremium, das am Dienstag im Repräsentantenhaus zum ersten Mal tagte, ist ein Untersuchungsausschuss, den die Demokraten mit ihrer Mehrheit ins Leben riefen. Ein solches „select committee“ besteht aus Abgeordneten und nicht aus unabhängigen Fachleuten. Deswegen haben die Republikaner es leichter, es als parteiisch zu diskreditieren. Eine Nationale Untersuchungskommission, ähnlich der, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 untersucht hatte, war am Senat gescheitert. Dort hatten die Republikaner das „Filibuster“-Verfahren genutzt, um die Gründung der Kommission zu stoppen.

          Im Abgeordnetenhaus nominierten sie dann zwei Trump-Loyalisten für den Ausschuss. Die demokratische Chefin der Kammer, Nancy Pelosi, wies Jim Jordan aus Illinois und Jim Banks aus Indiana zurück. Liz Cheney aus Wyoming und Adam Kinzinger aus Illinois traten an ihre Stelle. Einzelne Republikaner forderten bereits, die beiden republikanischen Trump-Kritiker für ihre Teilnahme zu bestrafen, indem man sie aus ihren anderen Ausschüssen abziehen solle.

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          Cheney will Trumps Aktionen untersuchen

          Kinzinger dankte in dieser ersten Sitzung den vier Polizisten und schien mit den Tränen zu kämpfen, als er sagte: „Ihr habt gewonnen.“ Die Demokratie werde nicht von ihren schlechtesten Tagen definiert, so der Abgeordnete. Cheney nutzte den Tag, um sich abermals als republikanische Alternative zu Trump zu positionieren. Sie sagte in der Sitzung, es sei das Ziel, „zu wissen, was in jeder einzelnen Minute jenes Tages im Weißen Haus passierte.“ Jedes Telefonat und jede Unterhaltung, die Trump und sein Team am 6. Januar führten, müsse analysiert werden.

          Der Kongress müsse sich verantwortungsvoll verhalten: Wenn die Attacke nicht voll aufgeklärt werde, bleibe „ein Krebs“ in der Republik zurück. Die Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney ist politisch rechtskonservativ, gehört aber zu den wenigen Politikerinnen in ihrer Partei, die Trump offen kritisieren und auch für seine Amtsenthebung stimmten. Dafür hatte Cheney im Frühjahr ihren Posten in der Fraktionsspitze verloren.

          Dem Sender CNN sagte sie nach der Sitzung am Dienstag, was am 6. Januar passiert sei, sei „absolut klar“. Trump habe die „Flamme entzündet“, die zu dem gewaltsamen Angriff auf das Kapitol geführt habe. Es sei eine Schande, dass viele Republikaner die Mitverantwortung des ehemaligen Präsidenten abstritten. Namentlich nannte Cheney Elise Stefanik, ihre Nachfolgerin in der Fraktionsführung, und Minderheitsführer Kevin McCarthy, der die Untersuchung als eine Art „politisches Spiel“ behandle. „Es ist kein Spiel, und es ist todernst, wenn man versucht, die Aufmerksamkeit von Ermittlungen wie diesen abzulenken“, so die Abgeordnete. Die Republikaner befänden sich am Scheideweg: Wenn sie die Attacke vom 6. Januar weiterhin verharmlosten, verabschiedeten sie sich von der Herrschaft des Rechts und von den Grundlagen der Demokratie.

          Mehrere Abgeordnete um Marjorie Taylor Greene aus Georgia und Matt Gaetz aus Florida hatten zuvor demonstriert, wie weit sie für Trump zu gehen bereit sind. Während drinnen die Polizisten schilderten, wie Trumps Anhänger sie fast umgebracht hatten, hielten die Republikaner auf dem Kapitolshügel eine Pressekonferenz ab. Dabei behaupteten sie, dass die meisten Demonstranten am 6. Januar „friedlich“ gewesen seien. Der Kongressabgeordnete Paul Gosar aus Arizona nannte Angreifer, die in Haft sind, „politische Gefangene“, die „misshandelt“ würden.

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