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Auch in Deutschland : Chinas Ruf verschlechtert sich erheblich

Selbsbewusst: Der chinesische Präsident Xi Jinping. Bild: dpa

Einer Studie zufolge haben mehr als 70 Prozent der Deutschen ein negatives Bild von China. Das liegt auch an Chinas Umgang mit dem Coronavirus. Die Regierung in Peking bemüht sich derweil, ein anderes Bild zu zeichnen.

          3 Min.

          Das Ansehen Chinas in Deutschland hat sich im Laufe der vergangenen zwölf Monate erheblich verschlechtert. Laut einer aktuellen Studie des amerikanischen Pew Research Centers haben inzwischen 71 Prozent der Deutschen ein negatives Bild des Landes. Das sind 17 Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr, es ist zudem der schlechteste Wert seit Beginn der Erhebungen vor 18 Jahren. Ähnliche Trends lassen sich in den anderen 13 Industriestaaten feststellen, in denen die Pew-Forscher Einstellungen zu China abgefragt haben. In acht von ihnen ist die Skepsis gegenüber China auf einen historischen Höchststand gestiegen. Am positivsten ist das China-Bild noch in Spanien und Italien.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Besonders groß ist der Imageverlust dagegen in Australien, wo die negativen Bewertungen innerhalb eines Jahres um 24 Punkte auf 81 Prozent stiegen. Das hängt wohl mit den wirtschaftlichen Strafmaßnahmen zusammen, die Peking gegen australische Firmen verhängte, nachdem die Regierung in Canberra sich für eine unabhängige Untersuchung der Ursachen der Corona-Pandemie stark gemacht hatte. Der Streit darüber erreichte vor der Generalversammlung der Weltgesundheitsorganisation im Mai seinen Höhepunkt, während die Pew-Telefonbefragungen zwischen Juni und August stattfanden.

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          Die Forscher führen den schlechten Ruf Chinas unter anderem auf dessen Umgang mit dem Coronavirus zurück. Zugleich weisen sie darauf hin, dass Amerikas Seuchenbekämpfung noch deutlich schlechter bewertet wird. Obwohl es in China seit Wochen fast keine Neuinfektionen mehr gibt und Reisen und Feiern inzwischen fast uneingeschränkt möglich sind, wird seine Corona-Bilanz von 61 Prozent der Befragten in den 14 Ländern als schlecht bewertet.

          Das steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem Zeugnis, das die chinesische Bevölkerung ihrer Regierung in der Seuchenbekämpfung ausstellt. Noch größer ist der Kontrast zur Selbstdarstellung Xi Jinpings, der im September in einer Rede sagte: „China hat mit seinen praktischen Maßnahmen geholfen, das Leben von Dutzenden Millionen Menschen auf der Welt zu retten.“ Chinas Kampf gegen die Epidemie habe „voll und ganz die klare Überlegenheit der Führung der Kommunistischen Partei Chinas und des sozialistischen Systems unseres Landes demonstriert“. Mutmaßlich ist es auch solches Triumphgeheul, das dazu beigetragen hat, dass Xi Jinping in der Pew-Studie noch schlechter bewertet wird als sein Land. In Deutschland zum Beispiel geben 78 Prozent der Befragten an, dem Staatschef nicht zuzutrauen, in globalen Fragen das Richtige zu tun.

          Diplomatische Kraftmeierei

          Weitere Gründe für die wachsende Skepsis gegenüber China dürften das Vorgehen gegen die Protestbewegung in Hongkong und die Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang sein. Eine große Rolle dürfte auch die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten spielen, die auch in Europa den Blick auf die von China ausgehenden sicherheitspolitischen Herausforderungen geschärft hat. Mit provokativen Propagandavideos, die eine Invasion Taiwans und eine Bombardierung der amerikanischen Truppen in Guam simulierten, hat Peking dieser Skepsis Auftrieb gegeben. Nicht zuletzt fällt das demonstrativ konfrontative Auftreten einzelner chinesischer Botschafter ins Gewicht, das in Peking als „Wolfskriegerdiplomatie“ beschrieben wird und in der chinesischen Bevölkerung gut ankommt.

          Schon seit längerem gibt es in China Stimmen, die vor den negativen Auswirkungen solcher diplomatischen Kraftmeierei warnen. So schrieb der Vizepräsident des China Institute of International Studies, einer Denkfabrik des Außenministeriums kürzlich in einem Aufsatz: „Obwohl China sich im Kampf gegen die Pandemie gut geschlagen hat, ist es eine strategische Fehleinschätzung, dies als historische Gelegenheit für den Aufstieg Chinas zu sehen. Wenn wir Populismus und extremem Nationalismus freien Lauf lassen, könnte die internationale Gemeinschaft das als China-First-Strategie fehldeuten“.

          Yuan Nansheng schrieb weiter: „Sich alle Seiten zum Feind zu machen, ist die schlechteste aller diplomatischen Strategien.“ Er dürfte sich durch die Pew-Studie bestätigt sehen. Noch allerdings gibt es kaum Hinweise darauf, dass die Führung sich durch die internationale Kritik zu einer gemäßigteren Außenpolitik bemüßigt fühlt. Vielmehr scheint sie in der Tatsache, dass China die Pandemie wirtschaftlich deutlich besser verkraftet hat als andere Industriestaaten, eine Chance zu sehen, ihre Interessen noch selbstbewusster durchzusetzen. Das wiederum deckt sich mit der Einschätzung der Pew-Studie: Trotz der negativen Einstellungen gegenüber China betrachtet eine Mehrheit der Europäer China als wichtigste Wirtschaftsmacht der Welt. 

          Die chinesische Propaganda gibt sich derweil alle Mühe, ein anderes Bild über Chinas Softpower zu zeichnen. Im September verkündeten die Staatsmedien unter Berufung auf eine Studie des Londoner Marktforschungsinstituts Kantar Group, „Chinas nationales Ansehen verbessert sich weiter“. Das sei das Ergebnis von Befragungen in 22 Ländern. Um welche Staaten es sich handelt, wurde nicht gesagt.

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