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Studenten in China : Im Nebenjob Spitzel

Studenten in China formen das Symbol der Kommunistischen Partei. Bild: Reuters

An Chinas Universitäten denunzieren Studenten ihre Professoren. Dafür bekommen sie Geld und Zugang zu wissenschaftlichen Programmen.

          Sie heißen „studentische Informationsbeauftragte“. Ihre Aufgabe: die Professoren an ihrer Universität zu bespitzeln und zu denunzieren, wenn diese sich politisch „unangemessen“ äußern. Denunziantentum ist nicht neu an chinesischen Universitäten. Aber mit der zunehmenden Ideologisierung der Hochschulen unter Staats- und Parteichef Xi Jinping erlebt es gerade eine Renaissance. Der Sender Radio Free Asia hat in dieser Woche ein Dokument der Wuhan-Universität für Wissenschaft und Technik veröffentlicht, in dem die Aufgaben der Spitzel offiziell beschrieben sind. Dazu gehört auch, „die Einstellungen von Dozenten zu bewerten”. Alle zwei Wochen sollen die Informanten ihre Beobachtungen demnach schriftlich auf einem vorgedruckten Formular einreichen. Hervorgehoben wird in dem Dokument, wie wichtig es sei, dass die „studentischen Informationsbeauftragten“ anonym blieben und ihre Namen nicht bekannt würden.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Selbst an Elite-Hochschulen wie der Tsinghua-Universität wird eine solche Praxis gepflegt. Das offenbarte jüngst die Historikerin Zi Zhongyun, die von einem Gespräch mit dem inzwischen suspendierten Juraprofessor Xu Zhangrun berichtete: Studenten hätten ihm gegenüber zugegeben, „dass sie beauftragt waren, über die Inhalte seiner Vorlesung Bericht zu erstatten“, schrieb die Historikerin. „Sie gaben auch zu, dass sie für diese ‚Dienstleistung‘ eine monatliche Zahlung erhielten. Darüber hinaus wurde ihnen ein Platz in einem Forschungsprogramm zugesichert, wenn sie drei Jahre lang in dieser Weise ihren ‚Beitrag‘ leisten würden.“ Historikerin Zi zeigte sich besonders verstört darüber, dass diese Studenten keinerlei Scham zeigten, sondern ihre Aufgabe beschrieben, als handle es sich um einen „studentischen Nebenjob“.

          Krisenstimmung an den Unis

          In Chinas Hochschulen herrscht derzeit Krisenstimmung, seit die Tsinghua-Universität dem renommierten Juraprofessor Xu Zhangrun im vergangenen Monat die Lehrerlaubnis entzogen hat. Das war allerdings nicht das Ergebnis von Denunziation. Xu Zhangrun hatte in einer Reihe von Essays scharfe Kritik an der Politik von Präsident Xi Jinping geübt und ihn dabei auch persönlich lächerlich gemacht. So schrieb er in einem indirekten Seitenhieb auf Xi Jinpings zahlreiche Schriften, die in Dutzende Sprachen übersetzt wurden: „Die Reden von Funktionären, die früher kaum mehr waren als klischeehaft Offiziöses, das von ihren Sekretärinnen geschrieben wurde, werden jetzt in fein eingebundenen Werken zusammengeführt und in der ganzen Welt frei verteilt. Dabei werden großen Mengen Papier verschwendet. Es lässt einen vor Lachen das Essen im Mund ausspucken.“

          Die Freistellung des Professors ist allerdings selbst innerhalb der Partei nicht unumstritten. Der Wissenschaftler Wang Changjiang von der Zentralen Parteihochschule warf der Tsinghua-Universität mangelnde Führungsstärke vor. Sie habe die Lehren der Kulturrevolution nicht gelernt, in der Studenten der Universität zu den eifrigsten Unterdrückern ihrer Dozenten gehörten. Die Suspendierung habe dazu geführt, dass nun an der Hochschule wieder ein Klima der Angst herrsche, in dem sich alle Professoren fragten, ob ihnen das Gleiche passieren könne. Partei-Theoretiker Wang sieht die Wurzel des Übels im Übereifer der Funktionäre, die sich gegenseitig Konkurrenz darin machen, sich bei der Parteiführung einzuschleimen: „Sie versuchen, sich gegenseitig in den Schatten zu stellen, indem sie zeigen, wie hart und schnell sie durchgreifen und denken sich alle möglichen Dinge aus, um ihre ungeteilte Loyalität gegenüber der Partei zu beweisen.“

          An der gleichen Universität brüstete sich neulich ein Student öffentlich damit, dass er eine Marxismus-Dozentin bei der Partei angezeigt hatte, weil sie angeblich nicht auf Linie war. Gegen sie wurde eine Untersuchung eingeleitet. Und an der Universität von Chongqing wurde der Professor Tang Yun freigestellt, weil er sich in einer Weise geäußert habe, „die dem Ruf des Landes schadet“.

          Der Entzug seiner Lehrerlaubnis dürfte diesem Ruf allerdings noch mehr schaden. Im März hatte der neue Präsident der Harvard-Universität Larry Bacow China besucht und an der Peking-Universität eine flammende Rede auf die Meinungsfreiheit gehalten. Anschließend wurde er von Präsident Xi Jinping persönlich empfangen. Dass Bacow seine erste Auslandsreise nach seinem Amtsantritt nach China mache, zeige, wie wichtig ihm die amerikanisch-chinesische Kooperation sei, sagte Xi. China ist einer der größten Bildungsmärkte der Welt. Der schrumpfende Raum für freie Meinungsäußerung an den Universitäten wirft allerdings Fragen über solche Kooperationen auf.  

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