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Student über Proteste in Iran : „Ich will ein freies Leben haben – und einfach nur weg“

Studenten flüchten am 30. Dezember in der Universität von Teheran während Protesten gegen die Regierung vor der Polizei. Bild: dpa

2009 hatte er noch gegen das Mullah-Regime demonstriert. Jetzt ist er hoffnungslos und träumt nur noch davon, das Land zu verlassen. Ein FAZ.NET-Gespräch mit einem 26 Jahre alten Musikstudenten aus Iran.

          2 Min.

          Die große Mehrheit der Demonstranten ist so jung wie Sie* oder jünger. Was fordern sie?

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Viele sind tatsächlich sehr jung, so Anfang 20. Sie sind radikal, rufen „Tod dem Diktator“, wollen eine Revolution und keine Reformen. Sie sind enttäuscht von den Reformpolitikern, für die 2009 während der sogenannten Grünen Bewegung demonstriert wurde. Durch diese Wut ist die Lage schnell eskaliert. Die Revolutionswächter prügeln auf Menschen ein, selbst wenn sie schon am Boden liegen. Ich selbst habe 2009 noch demonstriert, jetzt schaue ich nur zu. Ich habe Angst um meine Klarinette. Sie ist alles, was ich habe und sehr wertvoll. Und mit gebrochenen Händen könnte ich nicht mehr spielen.

          Ist es nur Angst, die Sie vom Demonstrieren abhält?

          Nein, auch Resignation. 2009 war ich 18 Jahre alt, durfte zum ersten Mal wählen. Ich dachte, dass eine große Veränderung bevorsteht. Millionen Iraner waren auf der Straße. Das war beeindruckend. Doch viele wurden ermordet oder ins Gefängnis gesteckt. Auch deshalb demonstriere ich jetzt nicht. Und ich bin keine Ausnahme: Diejenigen, die damals mitgemacht haben, sieht man auf der Straße heute überhaupt nicht mehr. Sie haben alle Angst. Auch bei Twitter und in anderen Netzwerken haben die Protagonisten der Grünen Welle geschwiegen.

          Was ist heute so anders als 2009?

          2009 gingen die Proteste von Teheran aus. Diesmal ging es in Kleinstädten und Dörfern los. Hier in Teheran gehen zwar auch viele Studenten auf die Straße, generell sind es diesmal aber mehr Arbeiter. In den etwas reicheren Vierteln in Teheran gab es keine Proteste. Das zeigt, wie groß die soziale Spaltung ist. Während es 2009 um die Wiederwahl Ahmadinedschads ging, stehen jetzt wirtschaftliche Probleme im Mittelpunkt. Ein weiterer Unterschied: Die Menschenmengen haben diesmal keine Anführer, die sich öffentlich äußern. Das kann gute und schlechte Folgen haben. Es könnte schwerer sein, die Proteste zu unterbinden. Aber sie könnten auch leichter verpuffen.

          Leiden Sie auch persönlich unter der wirtschaftlichen Lage?

          Ja. Sie ist wirklich sehr schlecht und ist in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden. Neben meinem Musikstudium unterrichte ich Deutsch und Musik. Meine Eltern sind schon Rentner. Ein Monatsgehalt reicht vielleicht für fünf oder sechs Tage. Es ist schwer.

          Worauf hoffen die junge Menschen in Iran?

          Viele sehen die Zukunft düster und haben Angst. Wir haben kaum Hoffnung für Iran. Es wird Generationen dauern, bis sich hier wirklich etwas verändert. Deshalb will ich einfach nur weg. Ich versuche seit Jahren, Iran zu verlassen. Ich will ein freies Leben haben! Vielleicht nimmt mich eine Musikhochschule in Deutschland auf. Viele wollen wie ich ins Ausland. Aber es ist schwer, weil man zuerst Militärdienst leisten muss oder sich für viel Geld davon frei kaufen. Und solange man noch in Iran ist, muss man vorsichtig sein. Meine Eltern haben mir beigebracht, in der Öffentlichkeit den Mund zu halten. Sie waren während der Islamischen Revolution vor 40 Jahren in der Opposition, viele ihrer Freunde und Verwandte wurden ermordet oder verhaftet. Jetzt leben sie sehr zurückgezogen. Während wir telefonieren, schaut meine Mutter mich besorgt an. Ich sage ihr: „Keine Sorge, WhatsApp ist verschlüsselt“ – hoffentlich.

          Was glauben Sie: Wie wird es jetzt weitergehen?

          Es sind wohl schon mehr als 20 Leute ums Leben gekommen – fast so viele wie 2009 innerhalb von drei Monaten. Das erfährt man über ausländische Medien und über Telegram, wenn es nicht gerade gesperrt ist. Deshalb glaube ich: Die Proteste werden niedergeschlagen werden. Sie werden die Demonstranten ermorden und danach weiter regieren. Deshalb ist für viele wegzugehen die einzige Option. Dabei lieben wir eigentlich unser Land. Es ist schwer für uns, es zu verlassen, unsere Verwandten zu verlassen. Wäre Iran ein friedliches Land, würde niemand von hier weggehen.

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