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Strenges Rauchverbot in Spanien : Nur beim Stierkampf und in der Psychiatrie

  • -Aktualisiert am

Mein Qualm so grau: Raucher in einer Bar in Pamplona. Von heute an muss der Mann sein Leben ändern. Bild: AP

Den Rauchern in Spanien wird von diesem Sonntag an das Leben sehr, sehr schwer gemacht. Es gibt bloß wenige Ausnahmen vom neuen Verbot. Für den spanischen Schriftsteller Javier Marías geht damit auch die heimische Raucherwelt unter.

          Für Javier Marías geht an diesem Sonntag auch die heimische Raucherwelt unter. Bisher fühlte sich der spanische Schriftsteller nur international geächtet. So führte er kürzlich in einer Kolumne Protokoll über die Widrigkeiten, die ihm binnen zwölf Monaten bei Reisen in acht europäische und amerikanische Länder zustießen. In Göteborg und London durfte er im Hotel nicht einmal auf seinem Zimmer rauchen, geschweige denn in der Bar. In Paris und New York erging es ihm nicht besser. In Übersee konnte er immerhin auf der Straße ein paar darbende amerikanische Schriftstellerkollegen aus seiner Schachtel versorgen. Der Gipfel sei es aber gewesen, dass er an der Universität von Oxford eine attraktive Gastprofessur ausschlagen musste, weil man ihn auf dem Gelände der ehrwürdigen Hochschule nicht rauchen lassen wollte.

          Heute verdüstert sich für den Autor, der den "Kreuzzug" des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und seiner Gesundheitsministerin Leire Pajín bitter beklagt, auch der spanische Horizont. Das neue Gesetz, das in Antizipation massiven zivilen Ungehorsams nicht schon zu Neujahr, sondern erst zum 2. Januar in Kraft tritt, ist, zumindest drückt es ein Vertreter der spanischen Tabaklobby so aus, "eines der radikalsten der Welt". Schon deshalb und weil es inmitten einer schweren Wirtschaftskrise mit mehr als vier Millionen Arbeitslosen außerdem "enormen ökonomischen Schaden" anrichten werde, sei es zum Scheitern verurteilt, meint die Tabakindustrie.

          Bevor das Gesetz wirklich gescheitert ist, darf Javier Marías fortan in keinem spanischen Restaurant, keiner Bar und keinem Café mehr seine Zigarette entzünden. Auch in Diskotheken und Spielkasinos gilt das Verbot. Auf Flughäfen und in Bahnhöfen wird Marías sich bald nicht mehr in die "Raucherzellen" flüchten können, weil diese abgeschafft werden sollen. Sogar an der frischen Luft gibt es Einschränkungen. So darf der Schriftsteller künftig weder auf Kinderspielplätzen noch vor Schultüren oder in den Innenhöfen von Krankenhäusern rauchen. Gestattet ist das Rauchen weiterhin in Stierkampf- und Sportarenen, sofern diese nicht überdacht sind, sowie in Straßencafés, die nicht mehr als zwei Wände haben. Ausnahmen mit "Raucherzimmern" machte der Gesetzgeber nur bei Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten. Spanische Hotels dürfen zwar ein Drittel ihrer Zimmer für Raucher reservieren. Es müssen aber immer die gleichen Zimmer sein.

          Das neue Gesetz, das noch kurz vor Weihnachten von den Cortes mit der recht stattlichen Mehrheit von 189 gegen 154 Stimmen verabschiedet wurde, kam zustande, weil das alte Gesetz von 2006 nicht benutzt wurde. Damals hatten Regierung und Parlament mit Appellen an Vernunft, Toleranz und Rücksichtnahme ein Reförmchen beschlossen. Es verlangte von Gaststätten mit einer Fläche von mehr als hundert Quadratmetern, gut belüftete Nichtraucherzonen einzurichten, und stellte es den Eigentümern kleinerer Kneipen frei, ob sie rauchfrei sein wollten oder nicht. Sie mussten nur ein Schild ins Fenster hängen. Das Ergebnis war, dass von den Großen rund zehn Prozent die Vorschrift befolgten und der Rest sie - folgenlos - ignorierte. Mehr als neunzig Prozent der kleinen Kneipen hießen Raucher dagegen ausdrücklich willkommen.

          Das erwies sich am Ende doch als ein gewisses Missverhältnis, weil immerhin zwei Drittel der Spanier nicht rauchen und beim Essen auch nicht unbedingt inhalieren wollen, während das andere Drittel keinerlei Anstalten machte, auf solche Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Die Verschärfung der Regeln, über die ein gutes Jahr lang debattiert wurde, war aus der Perspektive der regierenden Sozialisten ein vergleichsweise mutiger Schritt. Denn in den Reihen ihrer Mitglieder und Wähler ist der Anteil der Raucher am höchsten. Die oppositionelle konservative Volkspartei, die vor allem auf Zigarrenraucher zu achten hatte, legte sich lange nicht fest und versuchte, doch noch Raucherzonen in Gaststätten durchzusetzen. Aus dem Linksaußenspektrum stellte sich nur der Abgeordnete der grünen Kommunisten Gaspar Llamazares hinter Zapatero und gegen den Tabak. Aber er ist auch Arzt.

          Der nationale Disput wurde vor allem mit statistischen Argumenten geführt. Das Gesundheitsministerium bestand darauf, dass es sich bei 60 000 Toten aufgrund des "Tabakismus" im Jahr, darunter 1500 Passivraucher, um die größte vermeidbare Krankheit handle. So sehe man sich aus "Gründen der öffentlichen Gesundheit" zum Handeln verpflichtet. Zapateros erstes Nichtraucherschutzgesetz hat die Spanier allerdings nicht nennenswert vom Rauchen abgebracht. Nach minimalen Übergangserfolgen mit großzügig verteilten kostenlosen Rezepten für Nikotinentzug stieg die Zahl der Raucher in den vergangenen vier Jahren um fast zwei Prozentpunkte - bei den Frauen mit plus vier auf gut 26 Prozent noch stärker als bei den Männern von 29 auf 31 Prozent.

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