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Streit um Idlib : Warum Putin auf Erdogan zugeht

Überraschend einig: Erdogan und Putin in Sotschi Bild: EPA

Die Spannungen um die Region Idlib bleiben unverändert groß. Dennoch hat sich Putin nach langem Zögern auf Erdogans Vorschlag einer demilitarisierten Zone eingelassen. Sein Zugeständnis hat gute Gründe.

          Die Einigung von Sotschi ist ein Erfolg für den türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan. Nach langen Verhandlungen stimmte der russische Präsident dem türkischen Vorschlag am Montagabend zu, in Idlib, der letzten Hochburg der syrischen Rebellen, eine entmilitarisierte Zone einzurichten und auf eine Großoffensive zur Rückeroberung der Provinz – zumindest vorerst – zu verzichten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Noch zehn Tage zuvor hatten Russland und Iran bei einem Dreiertreffen in Teheran den türkischen Vorschlag zurückgewiesen. Die militärischen Vorbereitungen für den Beginn einer Großoffensive schienen abgeschlossen, als sich Putin und Erdogan nun doch auf diese Lösung verständigt haben. Der Abschuss eines russischen Spionageflugzeug über dem Mittelmeer in der Nacht zum Dienstag zeigt jedoch, dass die Spannungen um die Region Idlib unverändert groß sind.

          Putin hat sich bei seinem Zugeständnis an Erdogan gegen seine beiden Verbündeten in Syrien gestellt, gegen das Damaszener Regime und Iran. Beide wollen die bewaffneten Rebellen und die Dschihadisten aus Idlib vertreiben, um die Provinz wieder der Kontrolle des Damaszener Regimes zu unterstellen. Zudem hatte auch Moskau den Kampf gegen den islamistischen Terror zunächst als Begründung für eine notwendige Großoffensive in Idlib angeführt.

          Dennoch hat sich Putin gegenüber Erdogan für Zurückhaltung entschieden. Dafür gibt es gute Gründe. Denn Moskau braucht Ankara als Partner für die anstehenden Verhandlungen über eine politische Nachkriegsordnung. Ankara soll die Opposition an den Verhandlungstisch bringen. Dazu wären weder die Türkei noch die Opposition bereit, wenn eine finale Schlacht im Idlib ein großes Blutbad und eine Flüchtlingswelle auslösen würde. Der Druck auf die Türkei würde steigen, die Grenzen zu öffnen und noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

          Russlands Intervention war entscheidend gewesen für den militärischen Sieg des Regimes; jetzt strebt Moskau auch dessen politische Rehabilitierung. Ein Blutbad in Idlib würde das ebenso erschweren wie es die Bereitschaft des Westens mindern würde, über eine Beteiligung am Wiederaufbau auch nur zu sprechen.

          Ein Blutbad würde es bei einer Großoffensive geben, weil es für die 10.000 Dschihadisten in Idlib keinen weiteren Rückzugsort mehr gibt und weil jene Syrer, die nicht unter Assad leben wollen, nach Idlib gezogen sind. Sie werden sich nicht freiwillig ergeben.

          Die Einigung von Idlib ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Russland an der Zurückdrängung des iranischen Einflusses in Syrien arbeitet. Das letzte Wort zu Idlib ist in Sotschi aber nicht gesprochen worden. Denn das Regime und Iran werden sich nicht damit abfinden, dass Idlib unter türkischer Verantwortung bleibt. Auch ist keineswegs gewiss, dass die Rebellen und Dschihadisten sich von der Türkei entwaffnen lassen.

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