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F.A.Z. Woche : Kult um die Kuh

Mythisches Schlachtverbot: Kuh auf einer Straße in Bombay. Bild: Bernd Jonkmanns/laif

Der Schutz von Rindern ist in Indien zu einem Politikum geworden. Das hat in den vergangenen Jahren schon Menschenleben gekostet. Hindus machen Stimmung gegen Muslime. Nur den Tieren hilft es nicht.

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          Zeigt eine Kuh ihren Personalausweis: Was wie ein schlechter Witz beginnt, könnte in Indien bald schon Realität werden. Denn dort erwägt die Regierung, Kühe in Zukunft mit eigenen Identitätsnachweisen auszustatten. Sie sollen ähnlich wie beim Personalausweis für Menschen Informationen über Alter, Geschlecht, Größe, Farbe, Hornkrümmung und Schwanzform enthalten - und sind damit dann eben doch nicht ganz wie beim Menschen. Aber vor allem soll jede Kuh, und davon gibt es in Indien eine ganze Menge, eine eigene Nummer bekommen, mit der sie sich eindeutig identifizieren lässt. Die Nummer soll mit einem Clip am Ohr befestigt werden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Regierung hofft, auf diese Weise illegale Schlachtungen sowie den "Schmuggel" von Kühen einzudämmen und die Versorgung der Kühe zu verbessern. Das Identifikationsprogramm ist aber nur einer von mehreren Wegen, wie die Regierung die Tiere in Zukunft schützen will. Darüber hinaus macht sich die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi Gedanken darüber, wie das Wohlergehen von Kühen gesichert werden kann, die zu alt sind, um weiter Milch zu geben, die also quasi in Rente gehen. Den Plänen der Regierung nach soll jeder Distrikt in Indien Ställe für rund 500 Kühe schaffen.

          Wohlergehen der Kühe als Kernanliegen

          Schon jetzt gibt es in vielen indischen Bundesstaaten solche "Gaushalas", Einrichtungen, in denen Kühe liebevoll umsorgt und gehegt werden. Der Bundesstaat Uttar Pradesh, seit einiger Zeit an vorderster Stelle beim Kuhschutz, hat zudem Ambulanzen für Kühe eingeführt. Sie sollen kranke und verletzte Tiere in eines der Heime bringen, wo sie dann gesundgepflegt werden. Die Ausstattung der Kuhkrankenwagen ist vorbildlich: An Bord jedes der zunächst fünf Kuhrettungswagen sollen ein Tierarzt und ein Assistent mitfahren. Bürger, die ein Rind in Not entdecken, können die Krankenwagen über eine Notfallnummer rufen.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Bloß die Finger von den Kuh lassen“ Illegale Schlachtungen sorgen in Indien für Ärger.

          So skurril diese Maßnahmen für europäische Ohren klingen, ihr Hintergrund ist ernst. Der Schutz von Rindern ist in Indien zu einem Politikum geworden. Modis politische Heimat ist die hindunationalistische BJP, die verschiedenen radikalen Hindugruppen in Indien nahesteht. Für sie gehört das Wohlergehen der Kühe zu ihren Kernanliegen. In vielen indischen Bundesstaaten sind das Schlachten von Kühen und der Verkauf von Rindfleisch schon verboten. In Gujarat, Modis Heimatstaat, soll die Tötung einer Kuh in Zukunft mit lebenslanger Haft bestraft werden können.

          Und so kommt es derzeit auch vermehrt zu gewalttätigen Konflikten um die Kuh, etwa wenn die sogenannten Gau Rakshak ("Kuhschutztruppen") ihren Mitbürgern vorwerfen, Rinder geschlachtet zu haben oder sie ins Schlachthaus bringen zu wollen. So waren im nordindischen Bundesstaat Assam kürzlich zwei muslimische Männer von einem Mob selbsternannter Kuhschützer getötet worden. Den beiden 20 und 25 Jahre alten Männern war vorgeworfen worden, mehrere Kühe mit dem Ziel gestohlen zu haben, sie zu schlachten. "Die Dorfbewohner verfolgten und umzingelten die Viehdiebe und brachten sie schließlich um", sagte ein Polizist. Vor kurzem wurde auch im Bundesstaat Jammu und Kaschmir eine Familie überfallen, die auf einem Lastwagen Rinder transportiert hatte. Mehrere Familienmitglieder wurden verletzt, darunter ein 75 Jahre alter Mann und ein neun Jahre altes Mädchen.

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