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Kein Benzin mehr : Brasilien bangt dem Stillstand entgegen

Sicherheitskräfte begleiten am vergangenen Samsatg einen Tankwagen auf seinem Weg zur Regio-Zentrale für öffentliche Verkehrsmittel in Rio de Janeiro. Bild: dpa

Brasiliens Regierung hat die Dieselpreise gesenkt und trotzdem protestieren die Lastwagenfahrer weiter. Die Blockade trocknet das Land aus – und die Nervosität steigt.

          Es ist gespenstisch ruhig in São Paulo. Auch an diesem Morgen, dem neunten Tag des Streiks der Lastwagenfahrer. Die Straßen, die gewöhnlich verstopft sind vom morgendlichen Arbeitsverkehr, sind fast leer, wie die Tanks der Millionen Autos, die sich jeden Tag durch die Metropole zwängen. Wer noch etwas Benzin hat, der fährt langsam und niedertourig. Viele lassen ihren Wagen in der Garage und nehmen den Bus.

          Tjerk Brühwiller

          Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Noch gelingt es der Stadt, zwei Drittel des Busbetriebs aufrechtzuhalten, doch die Reserven seien am Limit, heißt es. Die Busse, die verkehren, sind berstend voll. An einer Bushaltestelle hat sich eine Schlange gebildet. Viele Fahrgäste fahren zum ersten Mal mit dem Bus. Er nehme normalerweise das Auto, erzählt ein junger Mann im Anzug. Doch er wolle die letzten paar Liter Benzin nicht aufbrauchen. „Wer weiß, wann ich wieder tanken kann.“

          Ein Motorradfahrer zieht einen anderen mit, dessen Tank offenbar leer ist. An der Tankstelle gegenüber herrscht reger Betrieb. Die Polizei riegelt das Gelände ab. Hier gibt es noch Treibstoff. Am Montag hat ein von der Polizei eskortierter Tanklastwagen für Nachschub gesorgt. Doch tanken dürfen nur Polizisten und Feuerwehrleute. „Damit wir zur Arbeit kommen“, sagt ein Polizeibeamter, der unentwegt damit beschäftigt ist, Autofahrer abzuweisen.

          Benzinmangel führt zu ernsthaften Versorgungsproblemen

          Schon am Wochenbeginn hatten nur noch wenige Tankstellen Benzin. Wo nun noch Treibstoff vorhanden ist, bilden sich innerhalb von Minuten kilometerlange Schlangen. Es kommt zu Tumulten. Der Treibstoffmangel treibt allerlei Blüten. Tankstellen, die welchen erhalten haben, verkaufen ihn zu Wucherpreisen. Auch Taxis und Fahrdienste wie Uber haben ihre Tarife der Notsituation angepasst. Und Angestellte des öffentlichen Dienstes wurden dabei beobachtet, wie sie Benzin aus Ambulanzen abzapften.

          Die Blockade sorgt nicht nur für Leere auf den Straßen. Krankenhäusern fehlt es an medizinischem Material, immer mehr Schulen bleiben geschlossen. Die Supermärkte können die Versorgungsprobleme nicht verbergen. Ihre Regale, in denen sich normalerweise Früchte und Gemüse türmen, sind so gut wie leer. Ein Mitarbeiter räumt ein paar Auberginen und Kürbisse ein. Äpfel gibt es auch noch. Gestern sei ein Lieferwagen gekommen, sagt der Mitarbeiter. „Doch über das ganze Wochenende hatten wir gar nichts Frisches.“ Das Fleisch und die Milch werden ebenfalls knapp. Manche Produkte sind gänzlich ausverkauft.

          Millionen Schweine und Hühner verhungern

          Die leeren Regale erinnern an Venezuela – wenn auch nur entfernt. Doch während Venezuela im Benzin versinkt und nichts zu essen hat, verfaulen in Brasilien die Frischwaren in den stillstehenden Lastwagen.

          Und den Viehzüchtern in Südbrasilien verhungern Millionen Schweine und Hühner. Nicht nur die Landwirtschaft, sondern ganze Industriezweige liegen lahm. Fließbänder stehen still, die Arbeiter bleiben zu Hause. Der volkswirtschaftliche Schaden beträgt bereits jetzt etliche Milliarden.

          Einzelhandel massiv beeinträchtigt

          Betroffen sind auch unzählige selbständige Kleinunternehmer, vom Elektroinstallateur bis zum Bäcker. In einer Quartierbäckerei neben der Tankstelle herrscht ebenfalls Flaute. Der Umsatz sei in diesen Tagen regelrecht eingebrochen, sagt der Geschäftsführer. Einerseits habe man weniger Produkte im Angebot, andererseits blieben viele Leute zu Hause oder gingen auf anderem Wege zur Arbeit, die normalerweise auf einen Kaffee und ein Brötchen vorbeikämen.

          Ein Restaurantbesitzer im nahen Geschäftsviertel klagt über ähnliche Probleme. Viele der Angestellten ringsum, die zu seinem Kundenstamm zählten, arbeiteten in diesen Tagen von zu Hause aus. Das spüre er schmerzhaft. Zudem sei es sehr schwierig, Frischwaren zu finden.

          Kochtöpfe klappern aus Protest

          Brasilien, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, ist in ein banges Warten verfallen. Wie lange werden die Lastwagen noch stehen bleiben? Wie lange wird es dauern, bis sich die Versorgungslage wieder normalisiert? Man weiß es nicht. Die Regierung ist den Fernfahrern mehr als entgegengekommen und hat die Subventionierung des Dieselpreises und vieles mehr beschlossen. „So Gott will“, werde sich alles rasch normalisieren, sagte Präsident Michel Temer am Montag.

          Doch die kilometerlangen Schlangen der Lastwagen auf den Autobahnen im ganzen Land wollen sich nicht in Bewegung setzen. Stattdessen klappern in den Quartieren draußen die Kochtöpfe im kollektiven Protest, wenn sich Temer an die Nation wendet. Das Geräusch ist den Brasilianern bestens bekannt. Er erklang zuletzt vor zwei Jahren, kurz bevor Präsidentin Dilma Rousseff abgesetzt wurde.

          Auch jetzt liegt eine gespenstische Stimmung in der Luft – nicht nur wegen der leeren Straßen. Die Blockade der Lastwagenfahrer hat mittlerweile eine politische Dimension erreicht. Überraschenderweise ist nicht die Linke auf den Zug aufgesprungen, sondern die Rechte: Auf der Avenida Paulista im Herzen São Paulos versammeln sich am Montag radikale Gruppen, die nicht nur den Rücktritt Temers fordern, sondern eine Militärintervention. Sie werden wiederkommen, denn sie fühlen sich vom Chaos in ihrer Überzeugung bestärkt. „Raus mit Temer!“, schreien sie – etwas, das bisher nur von linker Seite zu vernehmen war.

          Es ist der Moment der einfachen Lösungen. Und es könnte sein, dass der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro als Sieger aus dem Chaos hervorgehen wird. Er braucht es, um zur Präsidentenwahl im Oktober Recht und Ordnung anpreisen zu können.

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