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Strauss-Kahn : Fotoshooting auf dem „Perp Walk“

  • -Aktualisiert am

Dominique Strauss-Kahn, wie er vor seiner Richterin steht - aufgenommen von einer Video-Kamera Bild: AFP

Im Fall Strauss-Kahn prallen Kulturen aufeinander: Amerika und Europa haben verschiedene Vorstellungen von den Rechten des Angeklagten. Ist die Zurschaustellung Strauss-Kahns eine „mediale Hinrichtung“? Zum „perp walk“ werden nicht nur Täter eskortiert, deren Schuld gerichtlich erwiesen ist.

          In einem Punkt sind sich Amerikaner und Franzosen in ihrem emotionalen Disput über die Behandlung von Dominique Strauss-Kahn einig. „Ich denke, es ist demütigend“, gab New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg französischen Kritikern recht, die sich darüber empören, dass der zurückgetretene Direktor des Internationalen Währungsfonds wegen der Vorwürfe von Sexualstraftaten vor einer New Yorker Polizeistation in Handschellen den Medien vorgeführt wurde.

          Doch während französische Politiker und Juristen wie die früheren Justizminister Robert Badinter und Elisabeth Guigou die Zurschaustellung Strauss-Kahns als „mediale Hinrichtung“ mit Hilfe „unglaublich grausamer und brutaler Bilder“ bezeichnen, beweist die Inszenierung vom gefallenen IWF-Chef aus Bloombergs Sicht nur, dass die Franzosen nicht verstehen, worum es geht: „Unser Justizsystem funktioniert, wenn die Öffentlichkeit die mutmaßlichen Täter sehen kann“, sagte der Bürgermeister und goss gleich noch mehr Öl ins Feuer: „Wenn Du den perp walk nicht machen willst, begeh‘ kein Verbrechen.“

          „Perp“ - das ist die Abkürzung für „perpetrator“, also für Straftäter. Zum „perp walk“, zum Spießrutenlauf vor den Journalisten, eskortiert die Polizei allerdings nicht nur Täter, deren Schuld gerichtlich erwiesen ist. Das Spektakel findet vielmehr, wie im Fall Strauss-Kahn geschehen, oft schon statt, ohne dass klar ist, ob genügend belastendes Material für ein Strafverfahren vorliegt. Auch werden dem Verdächtigen für den „perp walk“ routinemäßig Handschellen angelegt, selbst wenn mit Widerstand nicht zu rechnen ist.

          Dominique Strauss-Kahn auf dem „perp walk” vor der New Yorker Polizeistation

          Was zählt, ist der Unterhaltungswert. Als ein Reporter dem legendären Bankräuber Willie Sutton in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei einem „perp walk“ zurief: „Hey Willie, warum überfällst Du Banken?“, gab dieser zurück: „Weil dort das Geld liegt.“ Anfangs waren es vor allem Gewaltverbrecher, die von amerikanischen Ermittlern wie Trophäen zur Schau gestellt wurden - in einem berühmten Fall mit fatalen Folgen. So wurde der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald bei einem „perp walk“ erschossen. Trotzdem sollten sich die Vorführungen Beschuldigter für die Presse in den folgenden Jahrzehnten häufen.

          Bilder wie die von Strauss-Kahn vor der New Yorker Polizeiwache sind in Frankreich verboten

          Vor allem New York City ist als Parkett für „perp walks“ berühmt-berüchtigt. Amerikanische Gerichtsreporter plauderten aus, das Pressebüro der New Yorker Polizei habe nach besonders spektakulären Fängen zuweilen sogar angerufen, um bekanntzugeben, wann und wo der Verdächtige in Handschellen abgeführt werde. Vor allem der damalige Staatsanwalt und später Bürgermeister von New York Rudolph Giuliani wusste sich durch Anordnung von „perp walks“ Aufmerksamkeit zu verschaffen. Er ließ in den achtziger Jahren medienwirksam Wall-Street-Banker vorführen, denen Insidergeschäfte vorgeworfen wurden. Inspiriert durch Giuliani haben New Yorker Strafverfolger zunehmend vermeintlich betrügerische Banker und Manager für „perp walks“ auserkoren, selbst wenn diese mit den Ermittlern kooperieren.

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