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Straßenschlacht in Lüttich : Mit Eisenstangen und Pflastersteinen gegen Polizisten

Randalierer liefern sich eine Auseinandersetzung mit der Polizei am Samstag in Lüttich. Bild: AFP

In Lüttich verlief eine „Black Lives Matter“-Demonstration zunächst friedlich. Dann tauchten bis zu 300 gewaltbereite junge Männer auf. Neun Polizisten landeten im Krankenhaus.

          3 Min.

          Es war ein Ausbruch äußerster Gewalt, scheinbar wie aus heiterem Himmel. Während Tausende Menschen am Samstagnachmittag in den Läden rund um den zentralen Platz Saint-Lambert in Lüttich einkauften, flogen plötzlich Pflastersteine. Die gläserne Front einer schicken Einkaufsgalerie zersplitterte.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Als die ersten Polizisten eintrafen, um den Eingang zu sichern, wurden sie von jungen Männern aus wenigen Metern Entfernung angegriffen. Sie schleuderten Steine, Bistrot-Tische und eiserne Absperrgitter auf die Beamten, die sich mit ihren Schilden kaum schützen konnten. Auf Videos, die in sozialen Netzwerken kursieren, ist zu sehen, wie einer von ihnen in einem Haufen Scherben zu Boden geht und sich dort vor Schmerzen krümmt.

          Auch die Verstärkung, die kurz darauf eintraf, bekam die Lage lange nicht in den Griff. Schaufensterscheiben gingen zu Bruch, ein Sportgeschäft und eine Filiale von McDonald's wurden vor hunderten laufenden Handy-Kameras geplündert. Einsatzwagen flüchteten vor Angreifern, die mit Eisenstangen bewaffnet waren und Pflasersteine auf sie warfen. Zwei Stunden lang lieferten sich 250 Beamte und bis zu 300 gewalttätige Randalierer eine Schlacht im Herzen der Stadt, die als „Cité Ardente“ für sich wirbt: die feurige, leidenschaftliche Stadt. Drei Wasserwerfer wurden aufgefahren. Die Polizei setzte Tränengas ein, als sie den Platz schließlich räumte.

          Am Sonntag zog der Chef der Lütticher Polizei Christian Beaupère, nüchtern Bilanz: 36 seiner 250 Einsatzkräfte wurden verletzt, neun mussten im Krankenhaus behandelt werden, darunter der Beamte vom Galerieeingang. Eine Beamtin trug einen Schlüsselbeinbruch davon. Ein weiterer hatte Glück: Angreifer stießen ihn von seinem Motorrad, er ging zu Boden und wäre beinahe gelyncht worden. Zu Hilfe kamen ihm Demonstranten, die auf dem Platz gegen die fortdauernde Schließung von Gastronomie und Kultureinrichtungen protestiert hatten – „mit ihren Schildern“, wie Beaupère sagte. „Ohne dieses Einschreiten wäre dieser Polizist viel schwerer verletzt worden“, so der Polizeichef.

          Belgische Sicherheitskräfte schützen ein Einkaufszentrum am Samstag in Lüttich.
          Belgische Sicherheitskräfte schützen ein Einkaufszentrum am Samstag in Lüttich. : Bild: AFP

          Vor dem Gewaltausbruch hatte auf dem weiträumigen Platz eine zweite Demonstration stattgefunden. Ungefähr vierzig Personen protestierten unter dem Banner der „Black Lives Matter“-Bewegung gegen die Verhaftung einer schwarzen Frau am vorigen Montag. Sie war von zwei Beamten zu Bode geworfen worden, die sie dort fixierten und ihr ein Knie in den Nacken stemmten. Ein Video von dem Vorfall hatte sich schnell in Netzwerken verbreitet und eine Welle der Empörung verursacht. Nicht zu sehen ist der Anlass. Die Polizei behauptet, die Frau habe sie wie eine „Furie“ angegriffen. Sie selbst sagt, sie habe als Krankenschwester einer anderen Passantin zu Hilfe kommen wollen, die von den Polizisten zu Boden gedrückt worden war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Lüttichs Bürgermeister Willy Demeyer deutete am Sonntag an, dass der Fall „Fragen aufwirft“.

          Die Demonstration verlief am Samstag zunächst friedlich, bevor etwa 200 bis 300 gewaltbereite junge Männer  den Platz stürmten. Sie riefen Parolen wie „Polizei überall, nirgendwo Gerechtigkeit“. Man habe „eine Organisation gespürt“, sagte Polizeichef Beaupère. „Aus der Art des Vorgehens sieht man, dass das nicht der erste Versuch war.“ Die Polizei nahm lediglich zehn Personen fest – der Schutz der Geschäfte habe Priorität gehabt, hieß es zur Begründung. Einer ist minderjährig, die anderen sind bis zu dreißig Jahre alt.

          Drei von ihnen kommen aus Lüttich, die anderen waren extra angereist, aus Brüssel, womöglich sogar aus Frankreich, wie Bürgermeister Demeyer sagte. Es werde in den nächsten Tagen weitere Festnahmen geben, kündigte er an; die Polizei habe die technischen Mittel dafür. Die vielen Videos und Bilder im Internet könnten den Beamten wichtige Hilfe leisten, um Gewalttäter zu identifizieren. Dem Anschein nach stammt ein beträchtlicher Teil von ihnen aus dem südlichen und nördlichen Afrika. In Brüssel kontrollierte die Polizei am Samstagabend auf großen Einfallstraßen den Verkehr zurück in die Hauptstadt.

          Ein demoliertes Schaufenster in Lüttich am Sonntag.
          Ein demoliertes Schaufenster in Lüttich am Sonntag. : Bild: dpa

          Dass ein Geschäft der Sportartikel-Kette „JD Sports“ angegriffen und geplündert wurde, war offenbar kein Zufall. In einem Internet-Video verwies einer der Angreifer auf einen Vorfall, der Ende 2019 für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die Chefin einer anderen Lütticher Filiale der Kette wollte nach Geschäftsschluss kontrollieren, ob das Personal etwas geklaut habe. Sie forderte die Mitarbeiter auf, sich in drei Schlangen aufzustellen: Europäer, Araber und Schwarzafrikaner getrennt. Letztere beschimpfte sie als „Makaken“. Durch ein Video wurde der Vorfall schnell bekannt. Daraufhin drangen wütende Männer in die Filiale im Zentrum von Lüttich, die nun abermals angegriffen wurde, sowie in eine Brüsseler Filiale ein und plünderten sie zum Teil. Im Internet wurde zum Boykott gegen die Kette ausgerufen. Die Geschäftsführerin wurde entlassen.

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