https://www.faz.net/-gpf-9hlqx

Straßburg : Ein Islamist, kein Gefährder?

  • Aktualisiert am

Schwerbewaffnete Soldaten stehen vor den geschlossenen Verkaufsbuden des Weihnachtsmarktes vor dem Straßburger Münster. Bild: Reuters

Der mutmaßliche Angreifer von Straßburg war den Behörden in Frankreich bekannt. In Deutschland saß er wegen Einbrüchen in Mainz und bei Konstanz in Haft. Seine Gefahr wurde offenkundig unterschätzt.

          In Straßburg ist der mutmaßliche Attentäter auch Stunden nach dem Angriff auf einen Weihnachtsmarkt auf der Flucht. „Die Jagd geht weiter“, sagte Innenstaatssekretär Laurent Nunez am Mittwoch dem Radiosender France Inter. Der Angreifer hatte am Dienstagabend drei Menschen getötet und mehrere verletzt. Er soll von Sicherheitskräften verletzt worden sein.

          Was wir bislang über den mutmaßlichen Angreifer wissen

          Der 1989 geborene Cherif C. saß von Januar 2016 bis Februar 2017 wegen schweren Diebstahls in den baden-württembergischen Justizvollzugsanstalten Konstanz und Freiburg in Haft, nachdem er vom Amtsgericht Konstanz zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt worden war. C. stammt aus Straßburg. Nach Angaben des Pariser Antiterror-Staatsanwalts Rémi Heintz erklärte am Mittwoch, der Attentäter habe bei seinem Angriff „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) gerufen und habe mit einer Waffe geschossen und Passanten mit einem Messer verletzt.

          Wie aus einem Urteil des Amtsgerichts Singen hervorgeht, drang der Mann 2012 gewaltsam in die Räume einer Zahnarztpraxis ein und brach einen Tresor mit zwei Geldkassetten auf, die er mitnahm. Darin befanden sich laut Gericht unter anderem Zahngold im Wert von 6572 Euro und Bargeld im Wert von 1467 Euro. Er brach auch in eine Apotheke in Engen bei Konstanz ein.

          Am 27. Februar 2017 sahen die deutschen Behörden dann von einer weiteren Vollstreckung der Strafe in deutschen Gefängnissen ab und entschieden, den Mann nach Frankreich abzuschieben, wo es noch ein anderes Ermittlungsverfahren gegeben haben soll. Bei der Aufklärung des Falls dürfte von großem Interesse sein, wo, ob und wie lange der Straftäter in Frankreich inhaftiert war und er seine Reststrafe verbüßt hat. Als Gefährder wurde der Mann in den entsprechenden Fahndungssystemen nicht geführt. Nach bisherigen Erkenntnissen der deutschen Behörden gab es auch keinen Grund, den Mann als Intensivtäter einzustufen und gesondert zu überwachen.

          In jedem Fall sollte er in Frankreich noch einen erheblichen Teil der in Deutschland verhängten Strafe verbüßen. Rechtlich möglich ist eine Abschiebung auch dann, wenn keine oder nur ein geringe Teilstrafe verbüßt wurde, zumal dann, wenn in dem Abschiebestaat ebenfalls ein Ermittlungsverfahren vorliegt. Das soll im Fall Cherif C.s. so gewesen sein. Die baden-württembergische Polizei beteiligte sich schon am Dienstagabend mit 70 Polizeibeamten und Spezialkräften des „Polizeipräsidiums Einsatz“. Zur Koordination grenzüberschreitender Fahndungen unterhalten die deutsche und die französische Regierung in Kehl gemeinsam ein Zentrum zur Koordination der Zoll- und Polizeiarbeit. Das baden-württembergische Innenministerium stuft den Vorfall auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt als Anschlag ein.

          Wie aus einem Urteil des Amtsgerichts Singen hervorgeht, soll der Mann zusammen mit sechs Geschwistern im Elternhaus in Straßburg aufgewachsen sein, einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss erworben, aber keine Ausbildung gemacht haben. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist. Schon vor seiner Verurteilung in Singen habe er insgesamt vier Jahre in Gefängnissen verbracht.

          Weitere Themen

          Johnson blitzt bei Juncker ab

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.

          Topmeldungen

          Premierminister Boris Johnson und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.

          Erdölreserve : Was passiert, wenn das Öl knapp wird?

          Der Ölmarkt ist in einem Ausnahmezustand, doch Deutschland hält Reserven für den Notfall. Wann werden diese angezapft – und was bringt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.