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Straßburg und Kehl : Nicht mehr durch das Virus getrennt

Grenzenlos offen: Zwischen Straßburg und Kehl fährt wieder die Tram über die neue Rheinbrücke. Bild: Philipp von Ditfurth

Nach drei Monaten ist die Rheinbrücke zwischen Straßburg und Kehl wieder offen. Die Angst vor dem Virus hatte Franzosen und Deutsche wieder an längst überwundene Zeiten erinnert.

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          Die letzten Grenzpolizisten und die Schlagbäume sind verschwunden. Mit feierlichem Ernst blickt der Straßburger Bürgermeister Roland Ries auf die Beatus-Rhenanus-Brücke, die sich in ihren beiden 20 Meter hohen Bögen über den Rhein schwingt. Er sei erleichtert, dass die Brücke ihrer Bestimmung wieder gerecht werde, sagt er: „Sie verbindet Deutsche und Franzosen.“ Jährlich fahren vier Millionen Menschen mit der modernen Straßenbahn zwischen Kehl und Straßburg über den Rhein – bis die Corona-Pandemie kam. Für viele war es ein Schock, der Sozialist Ries zählt sich dazu. „Ich war enttäuscht über die nationale, ja nationalistische Reaktion zu Anfang“, sagt er. Das Virus habe die Verletzlichkeit des europäischen Gebildes offenbart. „Gemeinsame Infrastrukturen sind wichtig, aber noch wichtiger ist es, die Barrieren in den Köpfen herunterzureißen“, sagt der Bürgermeister und springt aus der Straßenbahn.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano (CDU) begrüßt ihn besonders herzlich – mit einem Ellenbogenschlag. An der Rheinbrücke wird am Montag gefeiert, dass die Grenze endlich wieder geöffnet ist. Aus Stuttgart ist der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) angereist, der französische Regionalratspräsident Jean Rottner von der Schwesterpartei Les Républicains (LR) steht lächelnd neben ihm. „Es ist ein glücklicher Tag für Europa“, sagt Strobl. Die Gesundheitskrise sei eine harte Bewährungsprobe gewesen. „Wir können noch vieles besser machen“, betont er. Hinter ihm steht Regionalpräfektin Josiane Chevalier, die zu Beginn der Grenzkontrollen besonders laut ihren Unmut über die „nicht konzertierte Aktion“ bekundet hatte. Stuttgart liege näher an Paris als an Berlin, bemerkt der baden-württembergische Innenminister. Der Kehler Bürgermeister pflichtet ihm bei: Straßburg liege für ihn näher als Stuttgart. Dann spricht er vom gemeinsamen Lebensraum, der nicht „grenzüberschreitend“, sondern „rheinüberschreitend“ sei. Es herrscht Feierstimmung, als eine Tram über die Brücke gleitet.

          Die Schließung der Brücke war ein Schock

          Die windschnittige Straßenbahn hat ein historisches Vorbild: Schon 1898 wurde die erste Straßenbahnverbindung in Betrieb genommen, damals war das Elsass noch deutsch. Nach zwei Weltkriegen fuhr die Bahn nicht mehr, der Rhein war zur Grenze geworden. Felix Neumann hat mit seiner Hip-Hop-Band Zweierpasch deutsch-französische Songs gespielt, als 2017 die Straßenbahnbrücke in Betrieb genommen wurde. Jetzt steht er vor den imposanten Doppelbögen und spricht darüber, wie betroffen es ihn gemacht habe, als die Tram plötzlich an der Grenze Endstation hatte. Familien seien plötzlich getrennt, Lebensgewohnheiten umgeworfen worden. „Das ist ein historischer Einschnitt“, meint der Musiker. Er verstehe schon, dass es Schutzmaßnahmen an der Grenze habe geben müssen, „aber wie es gemacht wurde, war nicht in Ordnung.“ Das Einkaufsverbot in Baden-Württemberg für französische Pendler empfand er als diskriminierend. „Sie durften bei uns arbeiten, aber sich nichts zu essen kaufen.“ Er hat mit seinem Zwillingsbruder einen neuen Song geschrieben, „Macht die Grenzen auf – ouvrez les frontières!“. Schon am Sonntag wurde er auf der nahegelegenen Fußgängerbrücke, der „Passerelle des deux rives“, gespielt, um die Grenzöffnung zu feiern.

          Die Brücke und die Parkanlagen auf beiden Uferseiten, „Le Parc des deux rives“, zählen zu den wichtigsten Hinterlassenschaften des Straßburger Bürgermeisters, der im Juli nach insgesamt fast zwei Jahrzehnten das Rathaus verlässt. Das 75 Jahre alte Stadtoberhaupt erzählt, dass er während der letzten Wehrmachtsoffensive an der Westfront, dem Unternehmen „Nordwind“, unter Bombenhagel in einem elsässischen Keller zur Welt kam. Er habe das wie eine Art Auftrag empfunden, sein Leben der Annäherung zwischen beiden Völkern zu widmen. Sein letztes Projekt als Bürgermeister, das Niemandsland in den Rheinauen zu einem Gewerbepark zu machen, wird vermutlich erst 2029 abgeschlossen sein. Lange waren die Grenzstreifen auf beiden Seiten des Rheins nicht bebaut worden, man wollte sich so vor möglichen Angriffen absichern. Doch mit dem Gewerbepark wird die letzte Grenze verschwinden. Das zumindest ist der Wunsch des Bürgermeisters. Die beiden Städte sind schon jetzt eng miteinander verwoben.

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