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Zerrissenes Peru : Marxist liegt in Stichwahl vorne

Der linksradikale peruanische Kandidat Pedro Castillo am Montag in Lima Bild: EPA

Peru galt viele Jahre als wirtschaftsfreundlich. In dem Land mit der höchsten Covid-Sterberate der Welt liegt nach der Stichwahl nun aber ein Linksradikaler vorne.

          3 Min.

          Das Kopf-an-Kopf-Rennen ist nach der Stichwahl in Peru noch immer nicht beendet. 96,4 Prozent der Stimmen sind bisher ausgezählt. Und mit knappem Vorsprung führt der linksradikale Kandidat Pedro Castillo (50,288 Prozent) vor seiner rechtskonservativen Kontrahentin Keiko Fujimori (49,712 Prozent). Noch fehlen einige Stimmen aus dem Ausland, wo Fujimori stärker abschneiden dürfte, und Stimmen aus abgelegenen Regionen, wo Castillo stark ist. Der Gewerkschafter, der für eine marxistische Partei antritt, war bis vor Kurzem noch relativ unbekannt und als kompletter Außenseiter zur Wahl angetreten. Zur großen Überraschung vieler Beobachter schaffte er es in die Stichwahl. Nun deutet vieles darauf hin, dass er der nächste Präsident Perus werden könnte.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          In einer Presskonferenz sagte Fujimori, sie werde keine Niederlage eingestehen, bis das Endresultat feststehe. Sie sprach auch von angeblichen Unregelmäßigkeiten, was sie mit Videos in den sozialen Netzwerken zu stützen versuchte. Es gebe einen klaren Versuch, den Willen des Volkes zu übergehen, sagte Fujimori. Zuvor hatte Castillo seine Wähler dazu aufgerufen, die Stimmen zu verteidigen und sich ebenfalls als Opfer angeblicher Betrugsversuche dargestellt, als eine erste Hochrechnung ihn hinter Fujimori gezeigt hatte.

          Die Wahlbeobachter der Organisation Amerikanischer Staaten erklärte hingegen, die Wahl sei ordnungsgemäß abgelaufen. Das Verhalten der beiden Kandidaten in diesen „entscheidenden Stunden„ sei von großer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Ruhe im Land. Bis ein definitives Endresultat feststeht, könnten noch Tage vergehen. Beobachter befürchten, dass der knappe Ausgang die angespannte Stimmung nach der Wahl weiter aufheizen und zu Protesten führen könnte.

          Bei der Wahl handelt es sich um eine Richtungsentscheidung, die beiden Kandidaten trennen Welten: Keiko Fujimori ist die Tochter des früheren autoritären Präsidenten Alberto Fujimori. Sie wuchs in der Metropole Lima, der Hauptstadt Perus, auf, wo sich die politische und wirtschaftliche Elite des Landes ballt. Castillo hingegen ist ein Bauernsohn und Grundschullehrer aus dem Hochland, der einst einen Lehrerstreik anführte.

          Pedro Castillo vor seinen Anhängern am Montag in Lima
          Pedro Castillo vor seinen Anhängern am Montag in Lima : Bild: AP

          Fujimori steht für die Fortführung des liberalen und unternehmerfreundlichen Wirtschaftsmodells der vergangenen Jahrzehnte, das dem Land dank der üppigen Rohstoffvorkommen ein für die Region überdurchschnittliches Wachstum beschert, jedoch die Ungleichheiten nicht beseitigt hat. Castillo hingegen hat einen radikalen Umbruch, mehr Staat und gar eine neue Verfassung versprochen, um den Reichtum umzuverteilen. Viele befürchten eine „Venezolanisierung“ Perus, verweisen auf die Partei Castillos, die sich als marxistisch-leninistisch versteht und gar in Verbindung mit der Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ gebracht wird.

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          Die Wahl hat den Peruaner die tiefen Gräben vor Augen geführt, die noch immer existieren, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen links und rechts. Die Pandemie hat das Land noch weiter auseinandergerissen. Peru wurde stark getroffen und hat eine höhere Sterberate als jedes andere Land der Welt. Die Wirtschaft ist 2020 um mehr als zehn Prozent eingebrochen. Das Gesundheitswesen stößt an seine Grenzen. Existenzängste mischen sich mit einer Frustration, die sich gegen die Politik richtet, die in den vergangenen Jahren zusehends schlechter funktioniert hat.

          Vier Präsidenten haben die Peruaner in der auslaufenden Amtszeit erlebt. Ein zersplitterter Kongress, in dem weiterhin viele Opportunisten und Korrupte sitzen, genießt kaum noch Rückhalt. Doch er besitzt die Macht, einen Präsidenten relativ einfach abzusetzen. Und daran dürfte sich auch in den nächsten Jahren wenig ändern. Über zehn Parteien haben die Peruaner im ersten Wahlgang im April in den Kongress gewählt. Weder Fujimori noch Castillo dürften eine funktionierende Mehrheit daraus bilden.

          Die rechtskonservative Kandidatin Keiko Fujimori am Montag in Lima
          Die rechtskonservative Kandidatin Keiko Fujimori am Montag in Lima : Bild: EPA

          In einer Stichwahl gegen einen gemäßigten Kandidaten hätte wohl weder Fujimori noch Castillo gewonnen. Beiden hatten schon wenige Stimmen gereicht, um in die Stichwahl einzuziehen. Der Wahlkampf war aggressiv und gehässig. Beide setzten auf die Ablehnung des anderen. Die Auseinandersetzung begrenzte sich nicht nur auf den Wahlkampf, sondern setzte sich in der Gesellschaft in gleicher Weise fort. Familien und Freunde zerstritten sich. Scheinbar unversöhnlich warten die Peruaner nun auf die Verkündigung des Siegers. Dabei ahnen viele schon, dass keiner der beiden es schaffen wird, die Probleme des Landes zu lösen – geschweige denn, es zusammenzuführen.

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