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Nord Stream 2 : Steinmeiers Fehltritt

Ein Mädchen legt am 75. Jahrestag des Kriegsendes Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew nieder Bild: dpa

Frank-Walter Steinmeier hätte sein Plädoyer für die Gaspipeline nicht mit der Erinnerung an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion verknüpfen dürfen. Damit hat er schlecht verheilte Wunden aufgerissen.

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          Frank-Walter Steinmeier weiß es eigentlich besser. Der Bundespräsident ist in seiner Zeit als Außenminister oft damit konfrontiert worden, welche Schmerzen die schlecht verheilten Wunden des 20. Jahrhunderts im Osten Europas bis heute bereiten. Umso unverständlicher ist der Fehltritt, der ihm unterlief, als er sein Plädoyer für die Gaspipeline Nord Stream 2 mit der Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion und die weit mehr als zwanzig Millionen Toten verknüpfte, die der Krieg unter ihrer Bevölkerung gefordert hat.

          Der Kreml betreibt eine an sowjetische Mythen anknüpfende Geschichtspolitik. Er beansprucht alle Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs und alle Heldentaten im Kampf gegen Hitler-Deutschland für Russland. Zugleich diffamiert Moskau Ukrainer – und bei aktuellem politischem Bedarf auch andere Osteuropäer – als Nazi-Kollaborateure. Tatsächlich wurde jedoch der größte Teil der von Deutschen im Krieg gegen die Sowjetunion begangenen Verbrechen auf den Gebieten der Ukraine und Belarus’ verübt.

          Das mindert nicht den Terror, den die Russen erlitten haben. Es zeigt aber, dass die Schrecken jener Zeit nicht nur im Verhältnis zu Russland beachtet werden müssen. Wollte man Steinmeiers Logik folgen, könnte umgekehrt die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber der Ukraine auch als Argument gegen Nord Stream 2 verwendet werden. Aber das sollte man ebenfalls besser bleibenlassen.

          Reinhard Veser
          (rve.), Politik

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