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Steinmeier in Amerika : Abschied von der Welt von gestern

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchen den Minute Man National Historical Park in Boston. Bild: dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht Amerika. Donald Trump erwähnt er nicht ein Mal. Dafür enthalten seine Reden allerhand Anspielungen, warum er einen Bogen um ihn macht.

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          Für Freitag Mittag hat Frank-Walter Steinmeier etwas Zeit für einen besonderen Termin in das Programm seines Amerika-Besuchs geblockt. Nach einem Besuch der Harvard Law School, wo der Bundespräsident an der jährlichen deutsch-amerikanischen Konferenz teilnimmt, will er sich nach Beacon Hill begeben, in einen vornehmen Stadtteil Bostons. Dort ist er zum Mittagessen verabredet. John Kerry, der frühere amerikanische Außenminister, empfängt ihn in seinem Privathaus. Beide schätzen einander und haben sich in den vergangenen Jahren gelegentlich informell getroffen, wenn der Amerikaner in Europa zu tun hatte.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Vor drei Jahren hatte der Demokrat Steinmeier und einige europäische Außenminister schon einmal zum Dinner in sein Haus geladen. Damals, im September 2016, verabschiedete er sich aus dem Kreis derer, mit denen er über Jahre eng zusammengearbeitet hatte – nicht zuletzt in den Atomverhandlungen mit Iran. Wenige Wochen später wurde in Amerika gewählt. Kerry rechnete damit, dass eine künftige Präsidentin Hillary Clinton das Außenministerium in neue Hände legen würde. Und Steinmeier und seine Leute überlegten bereits, mit wem sie es im State Department künftig zu tun bekommen würden. An einen Präsidenten Donald Trump dachte man damals genauso wenig wie an einen Bundespräsidenten Steinmeier.

          „Tweets und Tiraden“

          Der Deutsche ist nun schon zum zweiten Mal als Staatsoberhaupt in Amerika. Und wieder meidet er Washington. Im Sommer vergangenen Jahres eröffnete er das Thomas-Mann-Haus in Kalifornien. Die Reise nach Boston dient nun vor allem dem Abschluss des Deutschland-Jahres in Amerika, in dessen Rahmen mehr als 2000 kulturelle Veranstaltungen im ganzen Land stattfanden. Als Steinmeier am Donnerstagabend das renovierte Goethe-Institut in der Hauptstadt Massachusetts wiedereröffnet, gibt er indirekt Auskunft darüber, warum er es vorzog, einen Bogen um Trump zu machen. Er sei gekommen, „um den Blick zu heben, heraus aus dem täglichem Fokus auf Tweets und Tiraden, aber auch über die häufig so erwartbare wie fruchtlose Empörung hinaus“, sagt er. Er wolle den Blick weiten, zurück auf die gemeinsame Geschichte und auf das, was beide Länder auch in Zukunft verbinden werde, wie er hoffe.

          Als Präsident, sollte das wohl auch heißen, kann er ohnehin nichts zur operativen Politik Deutschland und zur Lösung der zentralen Konflikte im deutsch-amerikanischen Verhältnis – Handelsbilanz, Verteidigungsausgaben und Nord Stream-Pipeline – beitragen. Ein Treffen mit Trump, so sich der amerikanische Präsident die Zeit für den Gast aus Deutschland genommen hätte, hätte zudem unweigerlich den gegenwärtigen Streit beleuchtet. Zumal in Erinnerung gerufen worden wäre, dass der Außenminister Steinmeier einst den Präsidentschaftskandidaten Trump einen „Hassprediger“ genannt hatte.

          Steinmeier redet in Amerika nicht über Trump. Der Name fällt in den zwei Tagen nicht ein Mal. Dafür redet er darüber, was getan werden könne, um die liberalen Demokratien in Zeiten populistischer Herausforderungen zu stabilisieren. Und er stellt die Bedeutung Amerikas für die Entstehung der westlichen Demokratien heraus: „Es gibt keine Demokratie ohne Amerika“, sagt Steinmeier im Goethe-Institut, nachdem er die Wiege der amerikanischen Revolution in Lexington besucht hatte. Das amerikanische Vorbild sei besonders für Deutschland wichtig gewesen, das die Demokratie nach den Katastrophen der eigenen Geschichte dank Amerika aufs Neue gelernt habe. Er erinnert an die vielen Vertreter des deutschen Geisteslebens, die Zuflucht gefunden hätten vor Hitlers Gewaltherrschaft und erwähnt etwa den Bauhaus-Gründer Walter Gropius, dessen Haus in Lincoln vor den Toren Bostons er zuvor mit seiner Frau Elke Büdenbender besucht hatte. Steinmeier erinnert auch an die Reden Kennedys und Reagans in Berlin, und er dankt für den amerikanischen Beitrag zur deutschen Vereinigung.

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