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Steinmeier in Afghanistan : Das Problem heißt Pakistan

  • -Aktualisiert am

Steinmeier absolvierte seine längste Reise durch Afghanistan Bild: dpa

Das Nachbarland gilt in Afghanistan als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit. Das erfährt Außenminister Steinmeier auf seiner Reise von Politikern, Militärs und Studenten. Auch er spricht von einer Gefahr - aber vorsichtiger.

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          Nach dem Gewitter erscheint die Situation in Afghanistan bedrohlich wie lange nicht. Noch lachen beide, Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Afghanistans Präsident Hamid Karzai, als sie am Samstag aus dem Präsidentenpalast in Kabul treten. Die Pfützen, die der Platzregen hinterlassen hat, spiegeln die untergehende Sonne. Die Pinien ringsum geben der Abendmilde ihren harzigen Duft, Vögel zwitschern. Die Stimmung ist friedlich. Die Lage des Landes ist es keineswegs.

          Steinmeier kennt die neue, gewaltige Bedrohung und wird sie in wenigen Minuten benennen: Pakistan. Mit Karzai hat er soeben lange darüber gesprochen, oben in dessen Arbeitszimmer vor jenem Marmorkamin, an dem sich vor Jahrzehnten der afghanische König wärmte.

          Karzai nickt und scheint dankbar

          Nun geben sie Auskunft über ihr Gespräch. Karzai preist Deutschland als den „guten Freund“ Afghanistans, zählt es zu den „ersten Unterstützern“ und dankt für die Murmelbahn, die ihm Steinmeier höchstselbst für seinen zweijährigen Sohn Mirwais in den Palast trug. Der Kleine sei da, sagt Karzai, und habe das Geschenk schon begeistert in Besitz genommen.

          Treffen mit Präsident Karzai
          Treffen mit Präsident Karzai : Bild: AP

          Steinmeier beginnt mit allgemeinen Freundschaftsformeln und redet, als sei der deutsche Einsatz am Hindukusch wie eine Murmel in der Bahn auf dem Weg zum Ziel. In der florierenden Stadt Herat ganz im Westen habe er am Freitag gesehen, wie es vorangehe, sagt er. Deutschland helfe dort gern beim Wiederaufbau der Kulturlandschaft. Zudem seien sechs Millionen Euro versprochen für Afghanistans Präsidentenwahl im nächsten Jahr - bei der Karzai wiedergewählt werden will. Der Präsident solle auch wissen, sagt Steinmeier, dass der Bundestag im Oktober billigt, die 3500 deutschen Soldaten der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan um tausend weitere vom Jahr 2009 an zu verstärken.

          Alles scheint gesagt, ein afghanischer Kameramann zieht schon den Kopfhörer vom Ohr, als Steinmeier das Kernthema seiner Reise nennt. Er verschachtelt den entscheidenden Satz, wie er so viele verschachtelt: „Nur bei kooperativem Verhalten aller Nachbarn können wir unsere Möglichkeiten bei der Verbesserung der Sicherheitslage erreichen.“ Was er damit meint, sagt er dann klar: „Auch wir schauen mit Sorge auf das Nachbarland Pakistan.“ Karzai nickt dazu, als sei er dankbar, dass es endlich raus ist.

          „Der Vorwurf ist unfair und falsch“

          Pakistan gilt in Afghanistan als das größte Hindernis auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit. Jeder sagt Steinmeier das. Selbst im friedlichen Herat ereiferten sich die Provinzpolitiker, ihm das mitzuteilen. „Befreundete Nationen schicken ihre Söhne, um uns zu helfen“, lobt ein Mitglied des Provinzrates von Herat den Isaf-Einsatz von nunmehr 52.000 Soldaten. Trotzdem seien Rauschgiftanbau und Terrorismus nicht bekämpft worden. Der bärtige Mann ist in Rage und ruft Steinmeier zu: „Fragen sich diese Völker nicht, warum sich die Lage nicht gebessert hat?“

          Das Problem sei doch, dass über die löchrige Grenze zu Pakistan die Gegner des afghanischen Wiederaufbaus ins Land kämen. „Aber es gibt keine Reaktion, dass sich Pakistan einmischt, und die internationalen Freunde sagen wenig, besonders Deutschland sagt nichts“, schimpft der Bärtige. Andere Provinzabgeordnete klatschen Beifall, und einer mit Turban ergänzt: „Für diesen Kampf gegen Al Qaida ist unsere Polizei viel schwächer ausgerüstet als die Gegner.“

          Steinmeier wollte in Herat eigentlich den mit deutscher Hilfe fortschreitenden Aufbau einer 2500 Jahre alten Zitadelle feiern. Nun muss er sich wehren gegen die wegen Pakistan so aufgeregten Politiker: „Der Vorwurf ist unfair und falsch.“ Als G-8-Präsident im vergangenen Jahr habe er versucht, im Einvernehmen mit Pakistan die Grenze sicherer zu machen. Wegen der innenpolitischen Krise und dem Regierungswechsel in Islamabad sei jedoch „der Versuch leider zusammengebrochen“. Man müsse jetzt „wieder bei null“ anfangen.

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