https://www.faz.net/-gpf-a1z8t

Stararchitekt Renzo Piano : Genuas Brückenkapitän

Eine neue Brücke für seine Heimatstadt: Architekt Renzo Piano mit Bauarbeitern in Genua Bild: AFP

Er hat weltberühmte Bauwerke in New York, Berlin und London erschaffen. Nun schenkt Renzo Piano seiner Heimatstadt Genua eine neue Brücke – auch als Erinnerung an die 43 Opfer der Katastrophe von 2018. Ein Porträt.

          2 Min.

          Das Gerede vom „Wunder von Genua“ hat ihm nie gefallen. „Diese Brücke ist das Kind einer furchtbaren Tragödie“, sagt Renzo Piano über das von ihm entworfene Viadukt über den Fluss Polcevera, das am Montagabend feierlich eröffnet wurde. Vom Abriss der letzten Trümmerteile der alten Brücke bis zum Richtfest an der neuen hatte es wenig mehr als ein Jahr gedauert. Das ist für italienische Verhältnisse tatsächlich ein halbes Wunder. Gewöhnlich brauchen Großprojekte der Infrastruktur mitunter Jahrzehnte, bis sie genehmigt, gebaut und schließlich genutzt werden können.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Piano erinnert sich voll Schmerz an jenen Tag, als er vom Einsturz der Morandi-Brücke in seiner Heimatstadt Genua erfuhr. Es war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr. Ein schweres Sommergewitter ging gerade über der ligurischen Hafenstadt nieder, als der westliche Pylon der Schrägseilbrücke aus Spannbeton in sich zusammensackte. Die Fahrbahn stürzte auf einer Länge von rund 250 Metern in die Tiefe. 43 Menschen wurden in den Tod gerissen. Mutmaßlich war nachlässige Wartung Ursache für das Unglück.

          43 Segel der Trauer

          Schon eine Woche nach der Katastrophe begann Piano mit der Planung für eine neue Brücke über das Polcevera-Tal. Er telefonierte mit Bürgermeister Marco Bucci und dem ligurischen Regionalpräsidenten Giovanni Toti, bot pro bono seine Dienste an. Um der Stadt, in der er am 14. September 1937 als Spross einer Familie von Bauunternehmern geboren wurde, „eine Hand zu reichen“. Integraler Bestandteil der neuen Brücke aus Betonpfeilern und Brückenelementen aus Stahl sind die 43 hoch aufragenden Laternen, die mit ihrem Licht jede Nacht an die 43 Opfer erinnern sollen. „Brücken haben nicht das Recht einzustürzen“, sagt Piano. Und obwohl er weiß, dass nichts von Menschenhand Erschaffenes ewig hält, wünscht er sich, die neue Brücke möge „tausend Jahre“ stehen. Und Piano wünscht sich, dass die Brücke, die nach dem heiligen Georg, dem Schutzpatron Genuas benannt ist, von den Menschen geliebt werde.

          So wie er, als junger Architekt, die von 1962 bis 1967 nach den Plänen von Riccardo Morandi errichtete Brücke geliebt habe. „Tausend Mal bin ich über die Brücke gefahren“, erinnert sich Piano: „Auf dem Heimweg mit dem Auto von Mailand konnte man es nicht erwarten, über die Morandi-Brücke zu fahren, um das mediterrane Licht und das Meer wiederzusehen.“ So wird es jetzt wieder sein, wenn man von Norden her nach Genua kommt, in die Stadt zwischen Berg und Meer. „Jedes Bauwerk hat einen Spitznamen“, sagt Piano, „und vielleicht werden die Kinder die Brücke einmal ,la nave‘ nennen, das Schiff.“ Mit 43 Segeln der Trauer schwebt dieses weiße Schiff über dem Polcevera. Und Renzo Piano, der in aller Welt Zeugnisse seines Genies als Architekt hinterlassen hat, wird für tausend Jahre dessen Kapitän sein.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Wie gut ist Methodenvielfalt wirklich? Szene aus einer Berliner Schule

          Berliner Schulen : Was im Unterricht wirkt

          Der stiere Blick auf die Schülerorientierung hat in Berlin zu einem Methoden-Fetischismus geführt. Nicht die Art des Unterrichts sollte zählen, sondern die Qualität. Ein Gastbeitrag.
          Das Logo der Investmentgesellschaft Blackstone in New York

          Amerikanischer Investmentriese : Blackstone: Jeder dritte Vorstand soll divers sein

          Die amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone will Diversität stärker fördern und ein Karriereprogramm für weniger privilegierte Menschen schaffen – die Motive dafür sind auch geschäftlicher Natur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.