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Stalinismus-Forscher in Haft : Der Stachel im russischen System

Der russische Historiker Jurij Dmitrijew im Jahr 2018 Bild: dpa

Der GULag-Forscher Jurij Dmitrijew ist zu 13 Jahren Haft verurteilt worden – in einer Strafkolonie. Ein abschreckendes Signal an alle Gleichgesinnten. Präsident Putin lässt den Fall unkommentiert.

          5 Min.

          Rache, ein faktisches Todesurteil – das sind die häufigsten Kommentare der zahlreichen Russen, denen Jurij Dmitrijews Schicksal nicht gleichgültig ist. Sie werten die Entscheidung des Obersten Gerichts von Karelien, den Historiker wegen „gewaltsamer Handlungen sexuellen Charakters gegen eine Person unter vierzehn Jahren“ zu 13 Jahren Haft in einer Strafkolonie zu verurteilen, als Fanal dafür, was anderen drohen kann, die in die Mühlen des Systems geraten: ein Tod in Haft, verhetzt und verleumdet.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Vierundsechzigjährige aus der nordwestrussischen Teilrepublik sitzt mit kurzen Unterbrechungen seit Ende 2016 in Untersuchungshaft; das Urteil ist schon das dritte in seiner Sache. Sein Fall kreist offiziell um angebliche Übergriffe Dmitrijews gegen dessen 2005 geborene Adoptivtochter. Aber nicht nur Menschenrechtler sind davon überzeugt, dass es in Wahrheit darum geht, den Historiker auszuschalten und seine Arbeit zu diffamieren.

          Noch kurz vor Verkündung des Urteils im Revisionsverfahren hatten knapp 250 Menschenrechtler, Historiker, Oppositionspolitiker, Schriftsteller und andere in einem Offenen Brief an das Oberste Gericht Kareliens dazu aufgerufen, den Prozess gegen Dmitrijew in eine andere Region zu verlegen, aufgrund von „Zweifeln an der Objektivität“ des Gerichts. Letzteres blieb davon ebenso ungerührt wie davon, dass der Anklagte pandemiebedingt nicht im Saal, sondern aus dem Untersuchungsgefängnis zugeschaltet war und vom Geschehen aufgrund schlechter Übertragung nur die Hälfte mitbekam. Der Rechtsanwalt, der Dmitrijew seit bald vier Jahren verteidigt, konnte wegen einer Corona-Quarantäne nicht am Revisionsverfahren teilnehmen; und der angeordnete Ersatzverteidiger, den Dmitrijew ablehnte, hatte nur drei Tage, um sich durch 19 Aktenordner zu dem Fall zu arbeiten. Denn auch politische Prozesse häufen jede Menge Dokumente an, Gutachten, Anträge, Beschlüsse.

          Dmitrijew war als Kind selbst adoptiert worden

          Das Auswerten von Unrechtsakten gehört auch zu Dmitrijews Arbeit. In Karelien vertritt er die Menschenrechtsorganisation Memorial, die wegen ihrer Arbeit über alte und neue Systemopfer als „ausländischer Agent“ drangsaliert wird. Dmitrijew, ein dürrer, zäher Mann, der viel Zeit in Wäldern verbrachte, forscht zu den „Repressionen“, wie der sowjetische Staatsterror in Russland genannt wird. Er entdeckte mehrere Orte von Massenerschießungen, 1997 etwa im Waldstück Sandarmoch, wo Stalins Henker aus der Geheimpolizei NKWD 1937 und 1938 im „Großen Terror“ Tausende Russen, Ukrainer, Polen, Deutsche, Georgier und Angehörige anderer Nationalitäten erschossen.

          Dmitrijew weckte die Erinnerung an diese Menschen und schwieg auch zu aktuellem Unrecht nicht. 2015 zog er bei der jährlichen, damals noch international besuchten Gedenkfeier in Sandarmoch eine Linie zu Russlands verkapptem Krieg gegen die Ukraine.

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