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„Es geht um Leben oder Tod“ : Singapur rüstet sich für den Klimawandel

Reicher Stadtstaat am Meer: Singapur will sich langfristig gegen die Folgen des Klimawandels rüsten. Bild: Ferry Tan/Arcaid/laif

Der reiche Stadtstaat am Äquator vergleicht die Abwehr der Folgen von Klimaveränderungen mit der Vorbereitung auf einen Krieg: „Wir müssen jetzt anfangen“, warnt Staatschef Lee. „Es geht um Leben oder Tod.“

          Der Stadtstaat Singapur ist bekannt dafür, vorausschauend zu handeln. Bei seiner Ansprache zum Nationalfeiertag erklärte Ministerpräsident Lee Hsien Loong beispielsweise, der Umbau des bisherigen Hafengeländes zu einer Bürostadt werde mehr als eine Generation in Anspruch nehmen. Die Planungen aber laufen, der Umzug des früheren Hafens auf ein neues Gelände ist fast abgeschlossen. 

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Weit in die Zukunft blickt der rigide geführte, reiche Kleinstaat auch beim Klimawandel. Damit wird er zum Beispiel dafür, was die menschengemachte Erderwärmung die Gesellschaft kostet. Aber auch dafür, wie man sich auf sehr lange Sicht vor einigen Folgen zu schützen versucht. Allerdings stehen die nun von Lee umrissenen Maßnahmen im krassen Gegensatz zum Verhalten der Bewohner: Durch die Stadt kreuzen Diesel-Lastwagen und Busse, die Fahnen schwarzen Rauchs hinter sich herziehen. Plastiktüten gibt jeder Supermarkt gleich im Dutzend aus und Klimaanlagen surren Tag und Nacht hinter kaum isolierten Häuserwänden. Die Regierung aber hat sich verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgas bis 2030 um 36 Prozent des Wertes von 2005 zu verringern. Als erstes Land Südostasiens hat sie für Teile der Industrie eine Kohledioxidsteuer eingeführt.

          Gleichwohl könnte die Insel am Äquator im Jahr 2100 unter einem Anstieg der mittleren Tagestemperatur um 4,6 Grad leiden, schätzt die staatliche Presse. Der Wasserspiegel könnte um bis zu einen Meter gestiegen sein, sagte Lee. „Singapur, das näher am Äquator liegt, ist für den Klimawandel verletzlicher, als das weltweite Modell denken lässt“, warnte Lee. „Wir sollten die Verteidigung gegen den Klimawandel so angehen, wie wir unsere Armee angehen – mit dem allergrößten Ernst“, sagte der einstige Brigadegeneral. „Beide, die Armee wie die Verteidigung gegen den Klimawandel, sind existenziell für Singapur. Es geht um Leben oder Tod.“

          Vorbild Niederlande

          Lee erläuterte den Schutz, den die Insel brauche, um nicht im steigenden Meer zu versinken. „Wie viel es kostet, uns vor steigenden Pegelständen zu schützen? Ich denke mal, 100 Milliarden Singapur Dollar über hundert Jahre, wahrscheinlich mehr“, beantwortete er die selbst gestellte Frage. 100 Milliarden Singapur Dollar sind 65 Milliarden Euro. Damit bekommt der Singapurer Pragmatismus seine Chance: „Hätten wir nur zehn Jahre, um das Problem zu lösen, hätten wir weder Zeit noch Ressourcen, es zu lösen. Aber weil es ein Problem über 50 oder 100 Jahre ist, können wir eine 50- oder 100-Jahre-Lösung anwenden.“

          Besonders tief liegende Teile der Stadt sollen durch Dämme geschützt werden. Weitere Pumpen sollen dafür sorgen, dass die Wasserreservoirs der Tropenmetropole im Monsun nicht über die Ufer treten. Wie in den Niederlanden könnte sich Singapur von Poldern umgeben, die das Kernland schützen – Landgewinnung wird auf der Insel, die kaum größer als Berlin ist, seit Jahrzehnten groß geschrieben. Ein erster Polder ist schon gebaut und wird von der Armee als Trainingsgebiet genutzt. Angedacht wird auch, vorgelagerte Inseln mit Dämmen und Wehren zu verbinden, um dahinter Süßwasser-Seen zu gründen. Damit wäre auch der Wasserversorgung Singapurs gedient.

          „Wir werden uns die Optionen sehr genau anschauen, und wenn die Zeit gekommen ist werden wir entscheiden, wie der beste Weg aussieht. Es gibt ingenieurtechnische Lösungen für das Problem, aber sie alle kosten Geld“, sagte Lee. „Aber wir müssen jetzt anfangen. Sonst werden sich unsere Kinder und Enkel eines Tages für das schämen, was wir nicht getan haben.“

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