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Stadtentwicklung in Paris : „Willkommen auf der größten Baustelle Europas!“

Abbildung aus dem Buch „Paris Hide-and-Seek“ Bild: Masumi / PARIGRAMME Verlag

Noch leben in Paris monarchische Städter und gefürchtete Banlieue-Bewohner getrennt voneinander. Das soll sich ändern – im vernachlässigten Norden der Stadt wird ein Gebäude nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Auch für Olympia 2024.

          6 Min.

          Der Weg nach Groß-Paris führt an Bauzäunen und Kratern, Kränen und Bulldozern entlang. „Willkommen auf der größten Baustelle Europas!“ Sarah Ouattara empfängt in einem Großraumbüro mit bunten Plakaten an den Wänden und Grünpflanzen. „Hier soll endlich die Grenze zwischen Paris und der Banlieue überwunden werden“, sagt sie. In Saint-Denis, wo Metro- und Schnellbahnstationen, Wohnungen und Büros, Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Universitätsgebäude aus dem Boden gestampft werden. Und Anlagen für die Olympischen Sommerspiele in fünf Jahren.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Grand Paris“ nennt die Regierung das Vorhaben. Zu einem „Großen Paris“ soll die Stadt mit ihren Vorstädten verschmelzen. Schon Napoleon III. träumte davon, aber jetzt rückt es in greifbare Nähe. In den nächsten elf Jahren soll das Metro-Streckennetz verdoppelt werden, 200 neue Streckenkilometer, 68 zusätzliche Metro-Bahnhöfe.

          Sarah Ouattara freut sich: Der vernachlässigte Norden der Hauptstadt werde sich zu einem neuen Verkehrsknotenpunkt entwickeln. Die 34 Jahre alte Frau mit ivorischen Wurzeln trägt einen elegant gebundenen blauen Turban zum bunten Sommerkleid. Alles an ihr strahlt Zuversicht aus. Sie hat für die Stadtverwaltung von Saint-Denis gearbeitet, bis sie den Sprung in die Selbständigkeit wagte. Ihre Firma will neu angesiedelten Unternehmen den Alltag erleichtern.

          „Das Misstrauen war phänomenal“

          „Happiness Officer“, steht ein wenig prahlerisch auf ihrer Visitenkarte. „Mit Bescheidenheit kommt man nicht weit“, sagt sie. Das habe sie während des Programms „Stand-up“ gelernt, das für Frauen aus der Banlieue entwickelt wurde. Ihnen soll auf diese Weise Mut gemacht werden, sich unternehmerisch zu verwirklichen. 380 Frauen jährlich werden dank „Stand-up“ durch Tutoren der renommierten Wirtschaftsschule HEC begleitet. Ouattaras Geschäft läuft gut, aber sie verwendet viel Energie auf den Kampf gegen Vorurteile.

          Denn Saint-Denis hat einen verheerenden Ruf: Überfremdung, Kriminalität, islamische Radikalisierung, Terrorismus. „Natürlich ist es kein idyllischer Flecken.“ Dennoch habe es sie schockiert, dass viele der neuen Unternehmen sich geradezu einbunkerten. „Das Misstrauen war phänomenal. Mein erster Auftraggeber ließ sich eher widerwillig dazu überreden, dass ich einen Cocktailempfang für seinen Betrieb organisierte. Hinterher meinte er überrascht: Das schmeckte ja sogar!“

          Keine Königskutschen mehr: Saint-Denis heute

          Ouattara sieht sich als Botschafterin ihrer Wahlheimat. Sie will den hierher versetzten Angestellten die Angst nehmen. So arbeitet sie zum Beispiel mit der örtlichen Kaffeebrennerei zusammen und bietet Café aus Saint-Denis an, „denn Kaffeepause machen ja die meisten Beschäftigten“. Die Großbank BNP Paribas, die Versicherungsgesellschaft Generali, die Staatsbahn, das Telekomunternehmen SFR oder die Immobilienfirma Icade haben ihren Sitz in Saint-Denis angesiedelt.

          Ouattara vergleicht das Neubaugebiet, das sich über neun Kommunen erstreckt, mit Berlin nach dem Mauerfall. „Aber unsere Mauer lässt sich nicht einfach abreißen. Wir laufen ständig gegen unsichtbare Mauern, die von den Hauptstadtbewohnern errichtet wurden, um sich von der Banlieue abzugrenzen“, sagt sie. Banlieue heißt übersetzt so viel wie Bannmeile. Saint-Denis liegt nur drei Kilometer von Paris entfernt, aber eben jenseits der Ringautobahn, die eine Schneise zwischen Hauptstadt und den Trabantensiedlungen zieht.

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