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Migranten in Frankreich : Vom Crack-Hügel in die Turnhalle

Polizisten kontrollieren am 7. November während der Räumung eines Flüchtlingslagers im Norden von Paris die dort lebenden Migranten. Bild: AP

Die Anwohner von Paris fühlen sich durch die Flüchtlingslager belästigt, die Bürgermeisterin empfindet sie als unwürdig. Jetzt lässt die Stadt zwei Lager räumen.

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          Im Verkehrsfunk kommt schon am frühen Morgen die Warnmeldung: Die Autobahn A1 zwischen dem Pariser Großflughafen Charles de Gaulle und der Hauptstadt ist gesperrt. Am Rand der Schnellstraße hausen seit Monaten mehrere Hundert Migranten unter erbärmlichen Bedingungen. Ihre Zelte und selbstgebauten Hütten zwischen Büschen und Müllhaufen sind das erste, was neugierige Touristen von Paris erblicken. Doch damit soll Schluss sein, deshalb blieb die Autobahn am Donnerstag in den Morgenstunden geschlossen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mehr als 600 Polizisten sind vor Morgengrauen ausgerückt, um die Menschen aus dem wilden Lager in Reisebusse zu verfrachten. Awa, eine 32 Jahre alte Frau aus der Elfenbeinküste, lebt seit einem Jahr an der Porte de la Chapelle. „Es regnet, mir ist kalt. Ich weiß nicht, wo man mich hinbringt, aber ich bin froh, dass ich hier wegkomme“, sagt sie Journalisten. „Heute Abend werde ich ein Dach über dem Kopf haben“, lacht sie und stapft mit ihren Habseligkeiten zum Bus. Die Polizeipräfektur hat zusammen mit der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo alles organisiert: Den Einsatz der Sicherheitskräfte, die Reisebusse, den Pressetross und begleitende Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sowie eine Brigade der Müllabfuhr, die zum Schluss aufräumt.

          Mit Bulldozern gegen die „Schutzblase“

          „Die Operation verläuft friedlich“, twittert die Polizeipräfektur. Bürgermeisterin Hidalgo schaut den Menschen zu, die vor den Bussen Schlange stehen, die meisten mit Rucksäcken und Plastiktüten beladen. Frauen, Kinder und Familien durften zuerst einsteigen, jetzt stehen fast nur noch junge Männer herum. „Die Straße ist kein Ort zum Leben, das ist gefährlich, das ist unwürdig“, sagt Hidalgo. Sie streitet seit langem mit wechselnden Regierungen darüber, wer für die Migranten zuständig ist, die in Paris stranden. Im Oktober 2016 hatte die Sozialistin, auch um den damaligen Präsidenten François Hollande vorzuführen, ein Auffanglager „La Bulle“ (etwa: die Schutzblase) an der Porte de la Chapelle eröffnet. Da die Regierung untätig bleibe, müsse sie ja etwas unternehmen, schimpfte sie damals, bekam dann aber die gewünschte Hilfe der staatlichen Stellen.

          25000 Migranten fanden in der „Schutzblase“ eine vorübergehende Bleibe und Hilfe beim Asylantrag. Ausländischen Besuchern, darunter auch dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, wurden im Auffanglager herumgeführt, damit sie selbst sehen sollten, wie vorbildlich die Franzosen mit Flüchtlingen umgingen. Aber im April 2018 wurde „La Bulle“ geschlossen, Bulldozer rückten aus, denn auf dem Gelände soll – wie schon lange geplant – der Campus der Universität Condorcet entstehen. Im Innenministerium herrscht ohnehin die Meinung vor, dass Frankreich keine Anreize für Migranten schaffen dürfe und „La Bulle“ viel zu schnell unter Schlepperbanden als beste Adresse von Paris angepriesen wurde.

          Nicht willkommene Gäste aus Deutschland

          Innenminister Gérard Collomb, der sich vor einem neuen „Dschungel“ wie an der Ärmelkanalküste in Calais fürchtete, verglich die Migrantenlager mit „Abzessen“. Vor seinem Rücktritt im Oktober 2018 machte er keinen Hehl daraus, dass Frankreich aus seiner Sicht zeitlich verzögert die Folgen der deutschen Willkommenspolitik zu tragen habe. Im Innenministerium in Paris hat man sehr genau die Zahlen studiert. 2018 haben 46000 Migranten, die bereits einen Asylantrag in Deutschland stellten, ein neues Asylverfahren in einem anderen EU-Staat angestrengt, geschätzt die Hälfte davon in Frankreich, heißt es in Paris. Insbesondere Afghanen zieht es nach Frankreich, denn in Deutschland erhielten nur 37,5 Prozent der Antragsteller Asyl, in Frankreich waren es bis Ende 2017 mehr als 80 Prozent. Der Innenminister war deshalb erbost über den Chef der Asylbehörde Ofpra, dessen Mandat nicht verlängert wurde.

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