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Umerziehung in Kanada : „Den Indianer im Kind töten“

  • -Aktualisiert am

Eine Frau mit Federschmuck umarmt ihr Kind bei einer Gedenkveranstaltung in Toronto am 6. Juni Bild: Reuters

Kanadas Regierung und Kirchen wollten die Kultur der Ureinwohner vernichten. Dafür zwangen sie deren Kinder in staatliche Umerziehungsanstalten. Mit Folgen bis heute.

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          „Ja, Ma’am, nein, Sir, danke, bitte: All das sagen sie ganz natürlich, auf eine nicht gezwungene Art!“ Das notierte ein weißer Journalist des kanadischen Senders CBC, nachdem er 1962 einen Film an einer Schule in Kamloops in British Columbia gedreht hatte. Die höflichen Kinder, für die sich der Fernsehmacher begeisterte, waren Ureinwohner. Sie waren nicht freiwillig in den „residential schools“, die oftmals von den Kirchen betrieben wurden. Im Film „The Eyes of Children“ („Kinderaugen“), der an Weihnachten 1962 bei CBC lief, waren indigene Kinder beim Beten, Singen und im Klassenraum zu sehen. „Vielen von euch kann es nie schlechter gehen als euren Eltern“, verkündete ein Aufseher vor der Kamera.

          Nicht zu sehen war das alltägliche Grauen, dem die Kinder in den landesweit 130 Anstalten ausgeliefert waren. In Kamloops war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten der Mönch Gerald Mathieu Moran angestellt, der Jahrzehnte später in hohem Alter wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen verurteilt wurde. Ehemalige Insassinnen berichteten ebenfalls Jahrzehnte später, dass auch Mädchen vergewaltigt worden seien. Zu ihnen gehörte Jeannette Jules, die 2013 aussagte: „Nachts kam ein Aufseher in den Schlafsaal und blendete uns mit einer Taschenlampe. Wir fragten uns untereinander: Wen würde er diesmal mitnehmen?“ Die Schule in Kamloops ist nun abermals in die Schlagzeilen geraten, nachdem die Überreste von 215 Kindern gefunden wurden, die dort verscharrt worden waren.

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