https://www.faz.net/-gpf-9m92n

Nach Anschlägen : Sri Lanka will Sicherheitsapparat umbauen

  • Aktualisiert am

Ein sri-lankischer Polizist verkündet am Mittwoch vor einer Moschee in Colombo Sicherheitshinweise. Bild: AP

Die Regierung steht im Verdacht, Warnungen vor Anschlägen wegen interner Konflikte nicht ernst genommen zu haben. Staatspräsident Sirisena zieht nun Konsequenzen. Derweil werden Informationen zu den Attentätern bekannt – einige sollen im Ausland studiert haben.

          4 Min.

          Nach den Anschlägen in Sri Lanka mit inzwischen mehr als 350 Toten will die Regierung die Chefs der Sicherheitsbehörden wegen mangelnder Informationspolitik entlassen. Staatspräsident Maithripala Sirisena kündigte am späten Dienstagabend (Ortszeit) in einer Fernsehansprache an, die Führungen der Polizei und anderer Sicherheitskräfte binnen 24 Stunden umzubauen. Vorab vorliegende Hinweise auf Anschlagspläne seien nicht an die Regierung weitergegeben worden.

          Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hatte sich zu den Selbstmordanschlägen auf Hotels und christliche Kirchen in Sri Lanka bekannt. Nach Angaben von Sri Lankas Ministerpräsident Ranil Wickremesinghe waren noch einige Verdächtige auf der Flucht, manche von ihnen seien im Besitz von Sprengstoff.

          Amak verbreitet Video

          Nach Einschätzung der Regierung Sri Lankas waren die Anschläge als Vergeltung für den Anschlag auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch im März gedacht, wie Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte. Ein Sprecher von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte am Mittwoch allerdings, der Regierung des Pazifikstaats seien keine derartigen Geheimdienstinformationen bekannt. Bei dem Anschlag eines mutmaßlichen Einzeltäters – ein Rechtsextremist aus Australien – auf zwei Moscheen am 15. März waren während der Freitagsgebete 50 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden.

          Bild: F.A.Z.

          Das IS-Sprachrohr Amak berichtete am Dienstag in den sozialen Netzwerken, die Angreifer seien IS-Kämpfer gewesen. Es kursierte auch ein Video, das angeblich zeigte, wie die sieben Selbstmordattentäter aus Sri Lanka vor einer IS-Flagge dem IS-Chef Abu Bakr al Bagdadi einen Treueeid leisteten. Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates hätten „Bürger der Koalition und die christliche Gemeinschaft“ attackiert, hieß es. Eine Verbindung zu Christchurch stellte Amak nicht her.

          Mit „Bürgern der Koalition“ bezeichnet der IS Staatsbürger von Ländern, die der internationalen Anti-IS-Koalition angehören, die die Terrormiliz in Syrien und im Irak bekämpft. Sri Lanka gehört der Koalition nicht an. Touristen in den angegriffenen Hotels könnten gemeint sein. Die Echtheit der Bekennernachricht ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Sie wurde über die üblichen Kanäle in den sozialen Netzwerken verbreitet, in denen der IS auch in der Vergangenheit Anschläge für sich reklamiert hatte.

          Wickremesinghe sagte bei einer Pressekonferenz am Dienstag, es habe schon zuvor der Verdacht bestanden, dass die Attentäter Verbindungen zum IS gehabt haben könnten. Einige der Angreifer seien im Ausland gewesen, erklärte Wickremesinghe, ohne die Verbindungen zum IS zu bestätigen. Als Täter macht Sri Lanka eine einheimische Islamistengruppe verantwortlich. Über einen Ableger des „Islamischen Staates“ in Sri Lanka ist bisher nichts bekannt.

          Zu den Lebensläufen der Attentäter äußerte sich Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene am Mittwoch. Demnach waren die Angreifer wohlhabend und hatten im Ausland studiert. Die meisten von ihnen seien gebildet gewesen und hätten der oberen Mittelschicht angehört, sagte Wijewardene in einer Pressekonferenz. Einer der Attentäter habe vermutlich in Großbritannien und Australien studiert und sei danach nach Sri Lanka zurückgekehrt. Es seien insgesamt neun Selbstmordattentäter an den Anschlägen beteiligt gewesen, darunter eine Frau. Acht von ihnen seien bislang identifiziert worden, sagte Wijewardene.

          Zahl der Todesopfer weiter gestiegen

          Sieben sri-lankische Selbstmordattentäter hatten sich am Ostersonntag nahezu zur selben Zeit in drei Kirchen in mehreren Städten und drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo in die Luft gesprengt. Einige Stunden später gab es zwei weitere Explosionen in einem kleinen Hotel und einer Wohngegend in Vororten Colombos. Die Zahl der Toten lag nach Polizeiangaben vom Mittwoch bei 359 – darunter waren laut Außenministerium 34 Ausländer, 14 wurden noch vermisst. Auch ein Deutsch-Amerikaner wurde getötet, wie das Auswärtige Amt mitteilte. Laut Unicef kamen auch 45 Kinder ums Leben. Mehr als 500 Verletzte wurden nach Angaben der Polizei noch in Krankenhäusern behandelt.

          60 Menschen waren laut Polizei am Mittwoch in Gewahrsam – alle seien Sri Lanker. Dass auch ein syrischer Staatsbürger darunter war, wie die Polizei zunächst bestätigt hatte, dementierte Wickremesinghe. Er bestätigte aber einen Bericht, wonach es einen Anschlagsversuch auf ein weiteres Fünf-Sterne-Hotel gegeben hatte, der fehlschlug.

          Es hatte vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der islamistischer Gruppen gegeben, wie Kabinettssprecher Rajitha Senaratne erklärte. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert – die Informationen stammten aus Indien, wie Wickremesinghe bekanntgab. „Wir tragen die Verantwortung, es tut uns sehr leid“, sagte Senaratne im Namen der Regierung.

          Mehrere Minister hatten kritisiert, Wickremesinghe sei zuletzt nicht zu Sitzungen des Sicherheitsrates der Regierung eingeladen worden. Hintergrund sind Spannungen zwischen den in einer Koalition regierenden Parteien von Wickremesinghe und Staatspräsident Sirisena, dem als Verteidigungsminister die Sicherheitskräfte unterstehen. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt. Bis Ende dieses Jahres steht eine Präsidentenwahl in Sri Lanka an.

          Am Dienstag waren Notstandsbestimmungen in Kraft getreten, die den Sicherheitskräften nach Angaben von Sirisenas Büro weitreichende Befugnisse einräumen. Solche Bestimmungen waren während des Bürgerkriegs in Sri Lanka von 1983 bis 2009 fast dauerhaft in Kraft – und auch darüber hinaus noch bis 2011.

          Die meisten Opfer hatte es bei den Anschlägen in den Kirchen gegeben, als gerade Ostergottesdienste stattfanden. In dem Inselstaat sind etwa sieben Prozent der 20 Millionen Einwohner Christen. Rund zehn Prozent sind Muslime. Die meisten Einwohner sind Buddhisten. Es hatte in der jüngeren Vergangenheit Gewalt von Buddhisten an Muslimen gegeben, die durch Gerüchte in sozialen Medien angeheizt wurden. Auch deshalb wurde nach den Anschlägen der Zugang zu sozialen Medien gesperrt. Größere Spannungen zwischen Muslimen und Christen hatte es in Sri Lanka zuvor nicht gegeben.

          Weitere Themen

          Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Korruptionsverfahren : Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Der frühere französische Präsident Sarkozy muss sich vor Gericht wegen Korruptionsverdachts verantworten. Er tritt selbstbewusst auf – und der wichtigste Zeuge erscheint am ersten Verhandlungstag nicht.

          Er versuchte Wunden zu heilen

          Harald Ringstorff gestorben : Er versuchte Wunden zu heilen

          Als Ministerpräsident führte er Mecklenburg-Vorpommern nach der Einheit durch schwierige Jahre - und schaffte der SPD eine strategische Schlüsselposition. Zum Tod von Harald Ringstorff.

          Topmeldungen

          Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy am 23. November auf dem Weg in den Gerichtssaal

          Korruptionsverfahren : Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Der frühere französische Präsident Sarkozy muss sich vor Gericht wegen Korruptionsverdachts verantworten. Er tritt selbstbewusst auf – und der wichtigste Zeuge erscheint am ersten Verhandlungstag nicht.

          Aufregung beim FC Barcelona : „Messis Verhalten war jämmerlich“

          Als wäre die sportliche Krise nicht genug. Beim FC Barcelona gibt es mal wieder mächtig Stunk. Im Mittelpunkt stehen diesmal Lionel Messi, ein nachtretender Berater und Steuerfahnder. Und das ist noch nicht alles.
          Schüler stecken sich vornehmlich außerhalb der Schule mit Corona an

          Corona in Schulen : Ansteckungen abseits des Pausenhofs

          Befürworter von Schulschließungen argumentieren mit einer hohen Dunkelziffer von Corona-Infektionen – doch die gibt es gar nicht, wie jüngste Zahlen zeigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.