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20 Jahre Srebrenica-Massaker : „Die Muslime wurden im Stich gelassen“

Suche nach Verwandten: Eine Frau geht an einer Gedenkstätte in Potocari die Gräber von 136 neu identifizierten Opfern des Massakers von Srebrenica ab. Bild: Reuters

Vor 20 Jahren wurde das Massaker von Srebrenica verübt, mehr als 8000 bosnische Muslime wurden von bosnischen Serben ermordet. Der Journalist Matthias Fink hat das Kriegsverbrechen erforscht. Ein Gespräch.

          Herr Fink, Ihr Buch über das Massaker von Srebrenica enthält schwere Vorwürfe: Ohne die Täterschaft der bosnischen Serben zu relativieren, schreiben Sie, Alija Izetbegovic, der Präsident der bosnischen Muslime im Krieg, habe mehrfach Pläne ausarbeiten lassen, Srebrenica gegen serbische kontrollierte Vororte Sarajevos einzutauschen. Wurden die 36.000 eingeschlossenen Muslime Srebrenicas von ihrer eigenen Regierung im Stich gelassen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So muss man das wohl sehen. Bosnisch-serbische Streitkräfte begannen am 6. Juli mit dem Angriff auf die UN-Sicherheitszone Srebrenica, am Nachmittag des 11. Juli standen sie in der Stadt. In diesen sechs Tagen unternahm die Regierungsarmee nichts, um von ihrem Territorium aus die bosnisch-serbischen Linien anzugreifen und so von seiner Attacke abzubringen oder wenigstens in Schach zu halten.

          Und damit war das Schicksal Srebrenicas besiegelt?

          Ja, auch wenn zu diesem Zeitpunkt natürlich niemand wissen konnte, dass es zu einem Kriegsverbrechen in dieser Dimension kommen würde. Doch auch in den Tagen nach dem Fall Srebrenicas, als die großen Massaker stattfanden, übrigens ganz in der Nähe der Front, gab es keine Gegenangriffe.

          Ein Sprecher der bedrohten Muslime Srebrenicas versuchte nach dem Einmarsch von Mladics Soldaten verzweifelt, mit der Regierung in Sarajevo Kontakt aufzunehmen. Der bosnische Minister für die Verbindungen zu den UN-Truppen war aber nicht zu sprechen. Er wollte in Ruhe Abendessen. Steht das für die Haltung Sarajevos zu Srebrenica?

          Erforscher der Hintergründe des Massakers: Der Journalist Matthias Fink

          Es ist eine sehr zynische Geschichte, aber sie stimmt. Die bosniakische, also bosnisch-muslimische Staats- und Parteiführung hatte sich am Tag des Falls von Srebrenica in der Stadt Zenica getroffen, um über Posten in der Staatsführung zu kungeln und um über die militärische Lage der Hauptstadt zu sprechen. Für Srebrenica, das seit fünf Tagen angegriffen worden war und kurz vor dem Fall stand, hatte man gerade fünf Minuten übrig, das zeigen die Protokolle. Srebrenica war einerseits ein Leuchtturm für den Überlebenswillen der Bosniaken, gleichzeitig aber auch ein Hindernis und eine schwere Last – kaum zu verteidigen, tief im Feindesland, mit einer sehr eigenwilligen Führung.

          Der einstige Oberbefehlshaber der bosnischen Armee, Sefer Halilovic, behauptet, Izetbegovic habe bereits 1993 einen Tausch Srebrenicas gegen Sarajevos Vororte vorgeschlagen.

          Man muss vorsichtig sein bei dem, was Halilovic nach dem Kriege alles veröffentlicht und gesagt hat, denn schließlich hatte Izetbegovic ihn aus seinem Amt entlassen. Andererseits gibt es andere Quellen und Dokumente, die zeigen: In Sarajevo scheint man sich tatsächlich schon relativ früh mit der Frage beschäftigt zu haben, ob sich der Krieg, in dem man unterlegen war, durch Gebietstausch beenden ließe.

          Auch Srebrenicas früherer Polizeichef berichtet, Izetbegovic habe ihm persönlich gesagt, er wolle Srebrenica gegen die Außenbezirke Sarajevos tauschen. Ein glaubwürdiger Zeuge?

          Was für den ehemaligen Generalstabschef gilt, trifft auch auf den ehemaligen Polizeichef von Srebrenica zu: Vorsicht! Gleiches kann man über alle Beteiligten von damals sagen, weil sie alle in der Rückschau versuchten, ihr Bild in der Geschichte möglichst sauber zu halten. Aber den ehemaligen Polizeichef von Srebrenica halte ich durchaus für einen glaubwürdigen Mann. Sein Auftritt vor dem UN-Tribunal in Den Haag war absolut überzeugend, und es ist niemandem gelungen, seine Aussagen zu erschüttern. Im Gegenteil, die schriftlichen Beweise bestätigen ihn.

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