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20 Jahre Srebrenica-Massaker : „Die Muslime wurden im Stich gelassen“

Soldaten auf einem serbischen Militärfahrzeug durchqueren die leeren Straßen Srebrenicas am 16 Juli 1995

Sie haben tausende Seiten der Gerichtsakten im Prozess gegen Radovan Karadzic Karadzic und Rtako Mladic ausgewertet. Welches Urteil erwarten Sie?

Lebenslänglich. Alles andere wäre eine Überraschung. Allerdings hat das Haager Tribunal schon manch ein überraschendes Urteil geliefert. Aber in diesen beiden Fällen kommen die Richter um lebenslänglich kaum herum. Wie sonst ließe sich das rechtskräftige lebenslängliche Urteil für die beiden Hauptorganisatoren der Massaker von Srebrenica rechtfertigen? 

Karadzic bestreitet nicht, dass sich in Srebrenica ein Massaker ereignet hat, behauptet aber, erst nachträglich davon erfahren zu haben. Glauben Sie ihm das?

Nein. Er selbst hatte einen Zivilkommissar für Srebrenica eingesetzt, weil er seinen eigenen Mann dort haben wollte. Und der hat ihm natürlich berichtet, was dort ablief. Der Mann, ein gewisser Miroslav Deronjic, war damals Vorsitzender des Ortsverbands von Karadzics Partei in einem Nachbarbezirk von Srebrenica. Er ist inzwischen Verstorben, aber in Den Haag ausführlich ausgesagt und seine Schuld eingestanden.

Karadzic nannte Srebrenica einen „Stachel im Fleisch der Republika Srpska“. Gab er den Befehl zur Tötung der Männer, oder handelte Mladic eigenmächtig, gar gegen Karadzics Willen?

Ratko Mladic hat in vielem eigenmächtig gehandelt, und er lag mit Radovan Karadzic praktisch im Krieg. Die beiden hielten wenig voneinander. Aber ich denke nicht, dass er im Fall Srebrenica auf eigene Faust gehandelt hat. Es gibt keine direkten schriftlichen Beweise für einen Mordbefehl. Aber der erwähnte Miroslav Deronjic hat ausgesagt, Karadzic habe ihm gegenüber eindeutige Hinweise gegeben, dass die Gefangenen getötet werden müssten.

Im Winter 1992/93 unternahmen die hungernden Bosniaken Srebrenicas bestialische Raubzüge in serbische Dörfer der Umgebung und töteten dabei mehr als tausend serbische Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Ist darüber in der westlichen Presse angemessen berichtet worden?

Nein, und dafür müssen wir uns eigentlich bis heute schämen. Und wir nehmen auch bis heute die bosnisch-serbischen Opfer nicht wahr. Dabei geht es um mehr als 1.200 Menschen, die teilweise auf ganz fürchterliche Weise umgebracht worden sind. Eine Erklärung, allerdings eine ungenügende, liegt darin, dass die bosnisch-serbische Führung und die Internationale der Srebrenica-Leugner diese Verbrechen und diese Toten immer dazu benutzt hat, das Verbrechen vom Juli 1995 zu relativieren oder gleich ganz ins Reich der Märchen zu verweisen. Aber noch einmal: Das ist wirklich kein Ruhmesblatt und gehört noch aufgearbeitet, auch juristisch. Es hat in Den Haag nicht eine Anklage wegen der Ermordung der Menschen in diesen bosnisch-serbischen Dörfern gegeben.

Die Hintergründe des Massakers

Dreieinhalb Jahre lang hat der Journalist Matthias Fink, gefördert durch die von Jan Philipp Reemtsma geleitete „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“, Vorgeschichte und Hintergründe des Massakers von Srebrenica erforscht. Im Osten Bosniens ermordeten bosnisch-serbische Soldaten sowie diverse polizeiliche Hilfstruppen und andere Einheiten nach dem Einmarsch in die „UN-Schutzzone“ in den Tagen nach dem 11. Juli 1995 mehr als 7000 bosnische Muslime. Laut staatlichen bosnischen Stellen in Sarajevo beläuft sich die Opferzahl sogar auf 8372 Tote. Den Oberbefehl über den Massenmord hatte der bosnisch-serbische General Ratko Mladic inne, dem vom Haager Kriegsverbrechertribunal der Prozess gemacht wird.  Wie der damalige Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, der ebenfalls in Den Haag vor Gericht steht, leugnet er jede Schuld. In der bisher ausführlichsten publizistischen Darstellung des Verbrechens stellt Fink aber auch die Rolle des damaligen bosnischen Muslimführers Alija Izetbegovic und der Regierung in Sarajevo in einem anderen Licht dar als in den meisten vorliegenden Untersuchungen. Laut Finks Recherchen unternahmen Izetbegovic und die Führung in Sarajevo nichts, um den bedrohten Muslimen Srebrenicas zu Hilfe zu kommen. Sein Buch „Srebrenica. Chronologie eines Völkermords“ soll Ende Juli erscheinen. Ohne die Haupttäterschaft der bosnischen Serben sowie die klägliche Rolle der UN zu relativieren, sagt Fink: „Ich bin mir heute sicher, dass die Menschen in Srebrenica geopfert wurden, um diesen elenden Krieg in Bosnien-Hercegovina beenden zu können.“ (tens.)

 

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