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20 Jahre Srebrenica-Massaker : „Die Muslime wurden im Stich gelassen“

Warum schreibt Izetbegovic dann in seinen Memoiren, die Srebrenica-Kämpfer seien geflohen, als die Serben vorrückten?

Das ist üble Nachrede und gilt nur der Rechtfertigung der eigenen Passivität.

Die Kampfesmoral der Verteidiger scheint aber tatsächlich niedrig gewesen zu ein. Trotz finanzieller Anreize – 5000 Mark für den Abschuss eines serbischen Panzers, 200 Mark und ein Sack Mehl für einen Fronteinsatz – meldeten sich kaum 100 Freiwillige. Woran lag das?

Nach drei Jahren Belagerung waren die Leute am Ende – zermürbt, ausgezehrt, kraftlos, physisch und psychisch fertig. Außerdem glich die militärische Führung in Srebrenica mehr einer Mafia-Bande als einer wohl geordneten, disziplinierten Armeeeinheit. Wer wollte sich da noch opfern? Es ging darum, sein Leben und das Leben seiner Familie zu retten.

Seltsam ist, dass Naser Oric, der Befehlshaber der bosniakischen Truppen in Srebrenica, die Enklave vor dem serbischen Angriff verlassen hat.

Eine Gruppe von bosnischen Muslimen auf dem Weg von Potocari in die Stadt Kladanj am 13 Juli 1995.

Es gibt bis heute mehrere Theorien, dazu. Fest steht: Er hatte zusammen mit anderen Befehlshabern schon im Mai Srebrenica verlassen. Einige gingen zu einem Offizierslehrgang, aber was Oric selbst betrifft, gibt es vor allem Verschwörungstheorien. Man wollte ihn angeblich nicht mehr zurücklassen, weil man Srebrenica loswerden wollte, er aber Kopf und Symbol der Verteidiger war. Andere sagen, er selbst wollte nicht zurück. Oder er habe einen Entlastungsangriff gegen Srebrenica anführen wollen, der dann aber nicht genehmigt wurde. Es ist schwer, etwas Endgültiges dazu zu sagen. Auf dem Balkan liebt man Verschwörungstheorien.

Es ging ja nicht nur um Oric. Warum sind denn keine Offiziere der bosnischen Armee zur Unterstützung nach Srebrenica entsandt worden?

Die offizielle Antwort heißt: Die Truppen ein Srebrenica sei hervorragend ausgerüstet gewesen und hätten genügend Leute für eine Verteidigung gehabt. Näher liegt der Schluss, dass Regierung und Armeeführung sich auf einen Ausbruch aus der Belagerung Sarajevos festgelegt hatten. Die Truppe in Srebrenica hatte Ende Juni sogar noch Befehle zu Überfallen außerhalb der Sicherheitszone erhalten, um dadurch bosnisch-serbische Kampfverbände zu binden. Sarajevo war wichtiger.

Sie arbeiten mit der regierungsamtlichen bosnischen Zahl von 8372 Getöteten bei dem Massaker. Warum halten Sie diese Zahl für zutreffend?

Ich weiß nicht, ob die Zahl stimmt. Sie stammt von dem bosniakischen Staatskomitee für verschwundene Personen, und diesen Ausschuss halte ich nach 18 Jahre der Recherchen für eine äußerst seriöse Einrichtung. Besonders der Leiter, den ich zum ersten Mal 1998 bei einer Exhumierung als sehr nachdenklichen Menschen kennengelernt habe, erscheint mir sehr vertrauenswürdig. Er lässt sich nicht zum Sprachrohr für Propaganda machen. Aber mit der Zahl ist es wie mit vielen anderen Darstellungen zu Srebrenica: Man muss alles nachprüfen, weil jede Seite bereit ist, zu lügen, bis sich die Balken biegen.

Was waren die wichtigsten Quellen Ihrer Arbeit?

Die Datenbank des Internationalen Gerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien. Dort liegen bis auf relativ wenige geheim gehaltene Verschlusssachen alle Beweisdokumente aus den Verhandlungen gegen die Angeklagten. Damit lassen sich viele mündliche Berichte auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Zusammen ergeben Dokumente und Aussagen ein überprüfbares, nachvollziehbares Gesamtbild des Geschehens sowie seiner Vorgeschichte.

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