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20 Jahre Srebrenica-Massaker : „Die Muslime wurden im Stich gelassen“

Sie schreiben, ein geplantes Entsatzmanöver der bosnischen Armee für versprengte Srebrenica-Flüchtlinge sei gescheitert, weil der Befehlshaber sich mit Slivovitz betrunken habe. Was ist die Quelle für diese unfassbar klingende Begebenheit?

Das hat mir der damals für diesen Frontabschnitt verantwortliche Offizier Semsudin Muminovic berichtet.

Die Rolle Izetbegovics und der Regierung in Sarajevo im Fall Srebrenica ist in Bosnien-Hercegovina nie untersucht worden. Weil die muslimische Elite Angst vor der Antwort hatte?

Es ist zu vermuten, dass diese Kreise eine Untersuchung verhindert haben, um nicht am Ende als Mitschuldige dazustehen. Wobei man beim Begriff Schuld eines nie vergessen darf: Schuld hat die bosnisch-serbische Führung, die den Massenmord von Srebrenica befohlen hat. Schuld haben die Offiziere, die ihn organisiert haben. Und Schuld haben die Vollstrecker in den Exekutionskommandos. Das muss man übrigens auch berücksichtigen, wenn man sich mit der Mitschuld beziehungsweise der Untätigkeit der Vereinten Nationen und ihrer Militärs im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt.

Hätte das in Srebrenica stationierte niederländische Blauhelmkontingent Dutchbat im Kampf gegen Mladics Truppen überhaupt bestehen können?

Holländische Soldaten der UN-Friedenstruppen beobachten muslimische Flüchtlinge aus Srebrenica in der Stadt Potocari im Juli 1995.

Nein, hätten es nicht, denn erstens waren die Niederländer für eine militärische Auseinandersetzung mit einem Angreifer nicht ausgerüstet, und zweitens war das im Mandat der Unprofor, also der UN-Schutztruppe in Bosnien nicht vorgesehen. Die hieß zwar Schutztruppe, aber das war nur ein Name, kein Auftrag.

Die bosniakische Führung in Srebrenica scheint aber tatsächlich geglaubt zu haben, Dutchbat würden die Enklave verteidigen, bis die Nato die Stellungen der Serben bombardieren werde.

Ob man das in Srebrenica geglaubt hat, weiß ich nicht. Gehofft hat man es vielleicht, obwohl man nach drei Kriegsjahren hätte wissen müssen, dass die UN-Truppe militärisch nicht aktiv werden wird. Am eigenen Leibe hatten sie das erfahren. Am 3. Juni, also gut einen Monat vor dem eigentlichen Angriff, hatte ein bosnisch-serbisches Kommando einen strategisch entscheidenden Beobachtungsposten von Dutchbat besetzt. Das war quasi eine Generalprobe. Als dies keine Folgen hatte, konnte man im Generalstab der bosnisch-serbischen Armee sicher sein, dass niemand sie aufhalten würde.

Obwohl es moderne Panzerabwehrraketen mit bis zu 3000 Metern Reichweite in Srebrenica gab, wurde nicht ein serbischer Panzer zerstört. Warum?

Weil die bosniakischen Kämpfer keine Ahnung hatten, wie man diese Waffen bedient. Man hat es versucht, aber es kam dabei sogar zu tödlichen Unfällen beziehungsweise völlig fehlgeleiteten Abschüssen.

Wenn man wusste, dass niemand in Srebrenica die Waffen handhaben konnte, warum hat man sie dann mühsam in die Enklave gebracht?

Diese Frage hat bis heute niemand schlüssig beantwortet. Ich habe auch keine Antwort darauf gefunden,

Die meisten Verteidiger scheinen ihre Stellungen kampflos geräumt zu haben, als die Serben vorrückten.

Der serbische Armeegeneral Ratko Mladic (links) trinkt in dieser Aufnahme vom 12 Juli 1995 mit Thom Karremans (Mitte), Befehlshaber des niederländischen Kontingents der Schutztruppe der Vereinten Nationen.

Das stimmt nicht ganz. Bis zum 10. Juli versuchten die Bosniaken, die bosnischen Serben aufzuhalten. Sie begannen sogar einen Gegenangriff und trieben die Angreifer weit zurück. Aber dann ging ihnen die Munition aus, und sie verloren das gesamte Terrain wieder. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juli versprach ihnen Dutchbat-Kommandeur Thomas Karremanns für den kommenden Tag gewaltige Luftschläge der Nato. Wer sich dann in der sogenannten „killing box“, also dem Zielgebiet befinde, müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Deshalb zogen sich die letzten Kämpfer in die Stadt zurück.

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