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20 Jahre Srebrenica-Massaker : „Die Muslime wurden im Stich gelassen“

Im Vertrag von Dayton fiel Srebrenica Ende 1995 dann tatsächlich an die Serben, einige Vororte Sarajevos an die Muslime. Also keine Verschwörungstheorie?

Es hätte in Dayton keinen Friedensvertrag ohne diesen Gebietstausch gegeben. Aber er scheint den bosniakischen Verhandlern nicht besonders schwer gefallen zu sein. Deshalb denke ich nicht, dass dies eine Verschwörungstheorie ist.

Waren die Menschen Srebrenicas für Izetbegovic nur Verhandlungsmasse?

Gespräch unter Soldaten: Holländische Blauhelmtruppen mit bosnischen Kämpfern im März 1994

So kann man das nicht sagen. Man scheint zwar in Sarajevo bereit gewesen zu sein, den Verlust Srebrenica in Kauf zu nehmen, aber nachdem die lokale Führung in Srebrenica im Herbst 1993 die Staatsführung in Sarajevo wissen ließ, dass ein Tausch keinesfalls in Frage komme, hat Izetbegovic dieses Thema nicht weiter aktiv verfolgt. Es war nicht das Ziel der bosniakischen Politik, Srebrenica loszuwerden.

Dennoch schreiben Sie, als Srebrenica in serbische Hände fiel, hätten einige bosniakische Politiker ihre Erleichterung kaum verbergen können. Carl Bildt, damals EU-Chefunterhändler, schrieb später, der bosnische Außenminister Sacirbegovic habe ihm am Tag von Srebrenicas Fall gesagt, in gewisser Weise werde das „die Sache einfacher machen“.

So ist es. Das unterstreicht den Eindruck, dass man in gewisser Weise froh war, dass das Problem Srebrenica sich nun lösen würde. Die politische und die militärische Führung in Sarajevo rührten keinen Finger, um den Überfall der bosnischen Serben auf Srebrenica aufzuhalten. Srebrenica war ein Hindernis für einen Verhandlungsfrieden.

Was hätte Izetbegovic denn tun können für Srebrenica am 10. Juli 1995?

Er hätte seinen Armeechef Rasim Delic anweisen können, mit einem Entlastungsangriff an der Nordostfront, die von Srebrenica etwa sechzig Kilometer entfernt war, die bosnischen Serben militärisch in Schwierigkeiten zu bringen. Das wäre nach Ansicht führender Militärs, die damals in jenem Gebiet im Einsatz waren, nicht schwierig gewesen. Die bosnischen Serben waren am Rande ihrer Kräfte angekommen.

Warum kam es dann nicht zu solchen Entlastungsangriffen?

Weil man sich in Sarajevo auf die Befreiung der Hauptstadt aus der bosnisch-serbischen  Belagerung festgelegt und alle zur Verfügung stehenden Kräfte dort konzentriert hatte. Deshalb wurde auch nicht versucht, den aus Srebrenica ausgebrochenen Kämpfern zur Hilfe zu eilen. Izetbegovic schien die Lage in Sarajevo wichtiger zu sein.

UN-Militärbeobachter behaupteten, nicht zuletzt aufgrund der Topographie hätten die bosnische Armee  die Enklave „wenigstens eine längere Zeit“ verteidigen können.

Das stimmt. Die Angreifer kamen von Süden, und von dort führte nur eine Straße in Richtung Srebrenica, auf der auch die Panuer der bosnischen Serben vorrückten. Das Gelände links und rechts der Straße ist extrem steil, dicht bewaldet, selbst für Infanterie nur schwer zu überwinden. Aber: In Srebrenica agierte so etwas wie ein Guerilla-Armee, deren Anführer bis auf eine Ausnahme keinerlei militärische Erfahrung hatten und die extrem schlecht ausgerüstet war, auch wenn Alija Izetbegovic und sein Armeechef nach dem Kriege das Gegenteil behaupteten. Die Dokumente belegen: Man rief nach Hilfe, man hoffte auf Luftangriffe der Nato. Beides kam nicht.

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