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Spionagevorwurf : Islamisten entführen Iraner in Syrien

Ein Videoausschnitt zeigt die von syrischen Rebellen entführten iranischen Geiseln. Bild: AFP

Unter den 48 von syrischen Rebellen entführten iranischen Pilgern befinden möglicherweise auch Angehörige von Irans Revolutionsgarden. Dies soll ein Video bestätigen.

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          Eine islamistische Aufständischen-Gruppe hat am Samstag in Damaskus 48 Iraner entführt, denen sie unterstellt, feindliche Agenten zu sein. Iran ist einer der engsten Verbündeten von Machthaber Baschar al Assad; die Rebellen bekommen vom iranischen Rivalen Saudi-Arabien Geld und Waffen. Ein Video, das der Sender Al Arabija am Sonntag ausstrahlte, zeigt einen Teil der entführten Iraner in der Gewalt der sogenannten Al-Baraa-Märtyrerbrigade. Sie hatte sich im Februar mit dem Ziel gegründet, Einrichtungen des Assad-Regimes mit Selbstmordanschlägen anzugreifen. Der Kommandeur der Einheit, Nasser al Schumeir, hält Dokumente in die Kamera, die die Zugehörigkeit der Entführten zu den iranischen Revolutionsgarden beweisen sollen. Unabhängig überprüfen ließ sich das nicht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Sender Al Arabija gehört einem saudischen Geschäftsmann mit enger Bindung ans saudische Herrscherhaus. Die iranische Nachrichtenagentur Irna meldete am Samstag, Bewaffnete hätten 47 iranische „Pilger“ entführt, die mit dem Bus vom Ort Sajjida Zeinab zum internationalen Flughafen der syrischen Hauptstadt Damaskus gefahren seien. Der Schrein des Orts ist ein beliebter Wallfahrtsort für Pilger aus Iran. Das Schicksal der Entführten sei ungewiss, hieß es.

          In der nordsyrischen Metropole Aleppo wurde weiter erbittert gekämpft. Das Regime ließ das von den Aufständischen besetzte Viertel Salaheddin mit Artillerie beschießen. Die Regierungstruppen versuchen seit zwei Wochen vergeblich, die Rebellen aus der zweitgrößten Stadt des Landes zu verdrängen. Damaskus dagegen ist inzwischen wieder weitgehend unter Kontrolle des Militärs. In tagelangen heftigen Kämpfen eroberten Assads Truppen dort mit dem Stadtviertel Tadamun die letzte Rebellenhochburg zurück. Nach Angaben eines lokalen Aktivisten sollen die Sicherheitskräfte bei Hausdurchsuchungen mehrere Menschen erschossen haben.

          Derweil wollen die Vereinigten Staaten ihre Syrien-Politik künftig enger mit dem Nato-Partner Türkei abstimmen. Außenministerin Hillary Clinton werde am kommenden Samstag in Istanbul mit der türkischen Regierung über den Konflikt in Syrien sprechen, sagte eine Sprecherin des State Departments am Sonntag während eines Besuchs der Ministerin in Malawi in Afrika. Clintons Gespräche in der Türkei gelten als neuer Anlauf, um die internationalen Bemühungen um eine diplomatische Lösung in Syrien zu koordinieren.

          Qatar: Der Sechs-Punkte-Plan ist Vergangenheit

          Vergangene Woche war der Sondervermittler von Vereinten Nationen und Arabischer Liga, Kofi Annan, zurückgetreten; als Gründe für seinen Rückzug nannte er die fehlende Friedensbereitschaft der Konfliktparteien und die Handlungsunfähigkeit des UN-Sicherheitsrates, in dem die Vetomächte Russland und China Sanktionen gegen das Assad-Regime blockieren. Maßgebliche arabische Staaten wollen einen Nachfolger Annans als Syrien-Vermittler nur unter einem grundsätzlich geänderten Mandat akzeptieren. „Der einzige annehmbare Auftrag ist, auf eine friedliche Machtübergabe in Syrien hinzuarbeiten“, sagte der Ministerpräsident von Qatar, Scheich Hamad bin Dschasim al Thani, am Samstag dem Sender Al Dschazira.

          Annan hatte bis zu seinem Rücktritt am Donnerstag vergeblich versucht, einen Waffenstillstand zu vermitteln. Der von Annan vorgelegte Sechs-Punkte-Plan hatte auch den Abzug schwerer Waffen aus Städten und bewohnten Gebieten vorgesehen. „Der Sechs-Punkte-Plan ist Vergangenheit“, sagte al Thani. „Er muss gründlich geändert werden, nachdem nichts davon durchgesetzt wurde.“ Formell läuft Annans Mandat zum Monatsende aus. Das Golfemirat Qatar unterstützt die syrischen Rebellen mit Geld und Waffen.

          Krieg und seine Kinder: Ein syrischer Flüchtlingsjunge bei der Beerdigung von fünf syrischen Rebellen im türkisch-syrischen Grenzgebiet

          Die amerikanische Regierung bereitet sich nach Medienberichten vom Wochenende auf ein baldiges Ende des Regimes in Damaskus und auf die Übergangszeit nach dem Sturz Assads vor. Im Außen- und im Verteidigungsministerium wurden Planungsstäbe geschaffen, um in Syrien chaotische Zustände wie im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins vom Frühjahr 2003 zu vermeiden. So sollen nach dem Sturz Assads die bestehenden Sanktionen so rasch wie möglich aufgehoben werden, um dringend benötigte Investitionen aus dem Ausland wieder nach Syrien fließen zu lassen. Im Außenministerium leitet der stellvertretende Außenminister William Burns die Arbeitsstäbe, der nach der Invasion im Irak vom März 2003 mit dem Pentagon über die Planungen für die Zeit nach dem Sturz Saddam Husseins gestritten hatte.

          Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sagte derweil der Zeitung „Welt am Sonntag“ zur Lage in Syrien nach dem Rücktritt Annans: „Das Scheitern der Diplomatie darf nicht automatisch zum Beginn des Militärischen führen.“ Es sei „zweifellos bitter und frustrierend, auf dieses Morden schauen zu müssen, ohne direkt etwas dagegen unternehmen zu können“, sagte de Maizière. Deutschland müsse weiter humanitär helfen und die demokratisch gesinnten Teile der Opposition logistisch unterstützen. „Aber mehr nicht.“ Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder (CDU), sagte der Zeitung „Bild am Sonntag“, in Syrien sei die christliche Minderheit im Bürgerkrieg „zwischen alle Fronten geraten“. Die Situation sei dramatisch. „Wir prüfen derzeit, wie wir zumindest den Christen, die in die Nachbarländer geflüchtet sind, helfen können.“

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