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Spanischer Ministerpräsident : Autobiografie von Pedro Sánchez veröffentlicht

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez bei der Präsentation seiner Autobiographie in Madrid. Bild: EPA

Unter dem Titel „Anleitung zum Widerstand“ ist nun die Autobiographie des 46 Jahre alten Pedro Sánchez erschienen. Das Buch ist frei von Selbstkritik – trotz der vielen Niederlagen, die Sánchez als Parteichef verantworten musste.

          Knapp neun Monate ist Pedro Sánchez erst im Amt, und der spanische Ministerpräsident muss bereits um sein politisches Überleben kämpfen. Nur vier Tage nach seiner Ankündigung von Neuwahlen am 28. April ist die Autobiographie des 46 Jahre alten Sánchez mit dem programmatischen Titel „Anleitung zum Widerstand“ in die Buchhandlungen gekommen. Das Buch war fast fertig, als er im Juni 2018 überraschend Regierungschef geworden war. Zuvor hatte Sánchez lange Gespräche mit der Autorin und Journalistin Irene Lozano geführt, die den Text verfasste. In der Minderheitsregierung seiner sozialistischen Partei PSOE kümmert sie sich als Staatssekretärin um „España Global“ und das weltweite Ansehen Spaniens.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ihr gemeinsames Buch ist frei von Selbstkritik – trotz der vielen Niederlagen, die Sánchez als Parteichef verantworten musste. Er räumt ein, dass es „unvollständige Memoiren“ sind. Aber die außergewöhnlichen Zeiten, die die Welt durchlebt, rechtfertigten eine erste Autobiographie nach nur wenigen Monaten im Amt. Er habe sich von den Millionen Spaniern inspirieren lassen, die unter der großen Wirtschaftskrise „stürzten und wieder aufstanden“ – ähnlich, wie er selbst: Das ist, was Sánchez unter Widerstand versteht. Seine Widerstandskraft zeigte sich in einer seiner schwersten politischen Stunden. Denn im Oktober 2016 nötigte ihn die Führung seiner Partei zum Rücktritt als PSOE-Vorsitzender. Wenig später legte er auch sein Abgeordnetenmandat nieder. Er wollte nicht sein Wort brechen und dem konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy zurück ins Amt verhelfen.

          Sein eigener Fall war tief. Er erinnert sich, wie er sich im März 2016 mental darauf vorbereitet habe, spanischer Regierungschef zu werden. Dann habe er im Oktober 2016 mit seinen beiden kleinen Töchtern im Arbeitsamt angestanden. Sánchez ergeht sich aber nicht in Selbstmitleid. Dafür ist er viel zu stolz. Ein halbes Jahr nach seinem Sturz kämpfte er sich an die PSOE-Spitze zurück. Zwanzig Monate danach wurde er Ministerpräsident. Schon eine seiner ersten Entscheidungen hält er für eine große Tat. Sánchez ließ das von Italien abgewiesene Rettungsschiff „Aquarius“ in Valencia landen. Das Leben von 630 Menschen zu retten sei es wert, in die Politik gegangen zu sein, schreibt er und weist zugleich den Vorwurf zurück, ihm sei es damals um das „Marketing“ seiner neuen Regierung gegangen. Die Aufnahme der Migranten hat aus seiner Sicht die „europäische Politik verändert“. Spanien habe mit der „Methode Aquarius“ ein Beispiel für einen europäischen Solidaritätsmechanismus gegeben, der sich durchsetzen werde.

          Nach seiner Meinung hat Sánchez auch seine eigene Partei grundlegend reformiert. Vor allem die Parteiführung habe ihn anfangs wie einen „Eindringling“ behandelt und nicht ernst genommen. Nach seinem Sturz wollte ihn die Basis aber zurück. Er habe zu einem „Triumph der Demokratie“ in der Partei beigetragen, die eine „neue PSOE“ hervorgebracht habe, in der wieder die Mitglieder das Sagen hätten.

          Absicht des Misstrauensvotums gegen Mariano Rajoy am 1. Juni 2018 sei nicht gewesen, seine Partei endlich wieder an die Regierung zu bringen. Vielmehr habe er es „für Spanien und gegen den Stillstand“ getan und für eine moralische Erneuerung. Denn Rajoys Volkspartei (PP) habe auf das vernichtende Gerichtsurteil im „Gürtel“-Korruptionsprozess nicht reagiert. Bis zuletzt habe er auf einen „würdigen“ Abgang von Rajoy gehofft, den er im Herbst 2017 während der Katalonien-Krise schätzen lernte. Rajoy wollte jedoch nicht freiwillig zurücktreten, und so kam es zum Misstrauensantrag.

          Sánchez kritisiert Rajoys Zaudern im Katalonien-Konflikt und wirft dessen PP vor, den drohenden Zusammenprall zu lange ignoriert zu haben. Im Oktober 2017 hatten beide Politiker nach dem Referendum und der Unabhängigkeitserklärung als politische Partner vertrauensvoll zusammengearbeitet. Rajoy zögerte, die katalanische Autonomie mit der Hilfe des Artikels 155 außer Kraft zu setzen, und Sánchez sicherte ihm dabei die Unterstützung der PSOE zu. „Der 155 war Balsam für Katalonien“, schreibt er nun. Auch zu König Felipe entwickelte er während der Krisenwochen eine engere Beziehung. Er beschreibt sie als politische „Komplizenschaft, die über das Institutionelle hinausgeht“. Ungewohnt offenherzig berichtet Sánchez über die Gespräche mit dem Monarchen, die in Spanien eigentlich vertraulich sind. Der König habe ihn 2016 sogar angerufen und Mut gemacht, nachdem ihn die PSOE abgesetzt hatte.

          In Katalonien wollte Sánchez in seiner kurzen Amtszeit vieles anders machen als sein Vorgänger. Er suchte das Gespräch mit der separatistischen Regionalregierung, hielt zum ersten Mal eine Kabinettssitzung in Barcelona ab und war zu Reformen, wenn auch nicht zu einem neuen Referendum bereit. In der spanischen Politik werde zu oft schon ein Dialog als Zugeständnis und Zeichen der Schwäche verstanden, kritisiert Sánchez. Am Ende ging seine Gesprächsbereitschaft den Unabhängigkeitsbefürwortern nicht weit genug. Im Parlament ließen sie den Haushaltsentwurf seiner Minderheitsregierung scheitern. Sánchez könnte bei der Wahl am 28. April gewinnen und dennoch verlieren. Seine PSOE hat gute Chancen, wieder stärkste Partei zu werden. Bisher fehlt ihr aber ein Partner für eine Regierungsmehrheit.

          Pedro Sánchez: Manual de Resistencia. Ediciones Península, 2019.

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