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Spaniens „Empörte“ : Die langen Tage der Weder-noch-Generation

  • -Aktualisiert am

Geschrumpftes Sammelsurium: Die „Empörten” stellen keine Massebewegung mehr Bild: REUTERS

Fast jeder zweite junge Spanier hat weder Arbeit noch Ausbildung - doch die Bewegung der „Empörten“ haben Besitzstandswahrer gekapert. Nach dem kurzen intellektuellen wie gesellschaftspolitischen Erwachen sind die Aussichten trübe.

          Im „69“ in der Madrider Avenida de Alberto Alcocer – die Zahl ist mit der Hausnummer nicht identisch – beginnt die Party am Donnerstag. Auch in den anderen Diskotheken des Chamartín-Viertels herrscht schon an Wochentagen reger Andrang. Geöffnet wird irgendwann kurz vor Mitternacht, geschlossen kurz nach Sonnenaufgang. Die Gäste verteilen sich dann, Glas oder Flasche in der Hand, um ihre Autos, drehen die Hifi-Anlagen auf und vertreiben sich noch eine Weile die Zeit.

          Die Disko-Besuche in Wochennächten sind ein Krisenzeichen der Zeit. Denn von Letzterer haben die spanischen Jugendlichen mehr als genug. Bei einer generellen Arbeitslosigkeit von 21 Prozent – das ist mehr als das doppelte des europäischen Durchschnitts – ist die Quote bei den jungen Leuten besonders verheerend: 46 Prozent der bis zu 25 Jahre alten Arbeitsfähigen haben keine Stelle.

          Die Politik ist das „drittgrößte Problem“ des Landes

          Weil die meisten Betroffenen zuvor noch nicht lange gearbeitet, also kaum Sozialversicherungsbeiträge gezahlt haben, kriegen sie im dritten Krisenjahr keine „Stütze“ mehr. Es sind die Eltern, die ihren Nachwuchs alimentieren. So wohnen die meisten Jugendlichen bis hoch in die Dreißiger im „Hotel Mama“ – es sei denn, dass der Vater inzwischen auch noch die Hypothek für die mit der Braut gekaufte Wohnung bezahlt und so verhindert, dass auch sie in den Fundus einer Bank oder Sparkasse zwangseingegliedert wird.

          Zunächst vielversprechend: Die „Bewegung 15. Mai” in Madrid

          Die jungen Männer und Frauen in der Disko sind dort häufig genug mit dem Auto und dem Taschengeld der Eltern, die sich, obschon manchmal selbst schon in der Bredouille, anders nicht zu helfen wissen. Denn ihre Söhne und Töchter sind zumeist friedliche und freundliche Zeitgenossen. Auch in den heißesten Madrider Nächten sind Raufereien rar, Messerstechereien erst recht. Von der traditionellen Anarchoszene in Barcelona abgesehen, ist die spanische Jugend auffallend zahm.

          Und sie ist desinteressiert. Politik? Nichts da. Die Politiker gelten inzwischen nach der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit schon als das „drittgrößte Problem“ des Landes. Weil früher auf dem Bau oder in der Bar immer leicht ein Job zu finden war, haben Zigtausende weder einen Beruf erlernt noch die Schule beendet oder gar studiert. Die „Ni-ni-Generation“, die weder das eine noch das andere tun wollte, rennt allerdings auch heute nicht bei Fortbildungskursen die Türen ein.

          Die erste Säule des Wohlstands ist weggebrochen

          Die sozialistische Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero hat offensichtlich keine Vorstellung davon, wie man jeden zweiten spanischen Jugendlichen in eine produktive Tätigkeit bringen könnte. Die zaghaften Reformen des Arbeitsmarktes, die von Gewerkschaften sabotiert werden, welche ein Interesse an der Aufrechterhaltung der spanischen Zweiklassengesellschaft heben – ältere Arbeiter mit praktisch unkündbaren Verträgen, jüngere ohne oder mit einem windelweichen Zeitvertrag –, haben bislang nichts genutzt. Im Übrigen sind die Staatskassen so leer, dass auch keine Mittel mehr für Investitionsprogramme zur Verfügung stehen. Linke wie Rechte reden davon, dass die mittelfristige Lösung in der Nachahmung der zweigleisigen deutschen Berufsausbildung liege. Doch auch das würde Geld kosten – und eine Reform des Bildungswesens, das in Spanien ebenfalls nicht in allerbestem Zustand ist.

          So sind von den qualifiziertesten Jugendlichen schon viele ausgewandert, vor allem nach Nord- oder Südamerika. Auch Nordeuropa und dort vor allem Deutschland sind im Blickfeld, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel andeutete, dass man hunderttausend Ingenieure gut gebrauchen könnte. Das Interesse wird freilich oft durch mangelnde Sprachkenntnisse erstickt. Die jungen Spanier sind nicht sonderlich polyglott: ein bisschen Englisch oder Französisch, aber Deutsch ist doch „sehr schwer“.

          Weil dem überschuldeten Land, das noch immer keine Anzeichen für befreiendes Wirtschaftswachstum aufweist, eine breite industrielle Basis fehlt, sind die Aussichten trübe. Von den „drei Säulen“ des Wohlstandes – Bau, Konsum und Tourismus – ist die erste weggebrochen, und die zweite wankt. Nur die dritte wirkt wieder stabil, seit wegen der „Arabellion“ Urlaubsströme aus Nordafrika und Nahost auf die Iberische Halbinsel zurückgelenkt wurden.

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