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Spaniens „Empörte“ : Die langen Tage der Weder-noch-Generation

  • -Aktualisiert am

Im Inneren hält man die Gefahr für übertrieben

Die Misere hatte vor ein paar Monaten eine zunächst vielversprechend anmutende Blüte getrieben: die „Bewegung 15. Mai“ mit ihrem Motto „Echte Demokratie jetzt“. Doch es war ein kurzes intellektuelles wie gesellschaftspolitisches Erwachen. Ausgehend von der Puerta del Sol im Zentrum Madrids verbreiteten sich die „basisdemokratischen“ Debatten über Wirtschaftsordnung und Zukunftsaussichten über zahlreiche Großstädte des Landes. Es waren, von gewalttätigen Ausnahmen vor allem in Barcelona abgesehen, friedliche, manierliche, oft nachdenkliche und anregende Diskussionen.

Ohne feste Organisation und Programm mutierte die Bewegung der „Empörten“ aber nach einigen Wochen zu einem geschrumpften Sammelsurium überwiegend fordernder „linker“ Gruppen. Seitdem geht es weniger um Tun als um Haben. In die Reihen der Empörten sind sukzessive „Systemgegner“, Hausbesetzer, maskierte „Hacktivisten“ und Randalierer eingesickert. Sie beherrschen nun die Demonstrationen und oft auch die endlosen Sitzversammlungen auf der Straße. Verkehrsstörungen sind denn auch oft das einzige erkennbare Resultat. In der einschlägigen Szene in Madrid oder Barcelona lassen sich nach jeder Platzräumung oder einer anderen Konfrontation mit der Polizei noch immer, vor allem mit Zulauf aus den Universitäten, einige tausend Empörte mobilisieren. Aber es ist keine Massenbewegung mehr.

Es war der Internationale Währungsfonds (IWF), der Spanien von außen darauf aufmerksam machte, dass es Gefahr laufe, eine „verlorene Generation“ hervorzubringen. Im Inneren wird das, wie zum Beispiel von den Handelskammern, noch für „übertrieben“ gehalten. Dort spricht man lieber von einem „Alarmzustand“ und empfiehlt drei Dinge: bessere Anpassung an die realen Erfordernisse des Arbeitsmarktes, bessere Sprachkenntnisse und mehr Mobilität.

Die vorgezogene Wahl macht der Jugend keine Hoffnung

Was Ersteres angeht, so haben die verschulten und oft auch verschlafenen Hochschulen des Landes ein Überangebot an Akademikern mit Qualifikationen hervorgebracht, die nicht gebraucht werden. So ist inzwischen mehr als ein Viertel der Absolventen nach einer Studie der Sparkassenstiftung „unterbeschäftigt und überqualifiziert“. Mit diesem Anteil steht Spanien an der Spitze der OECD-Länder. Mancher Hochschulabgänger arbeitet als Hausmeister an seiner Alma Mater – und zählt auch in diesem Metier nicht zu den Produktivsten. Überqualifizierte Akademiker melden sich am häufigsten krank.

Inzwischen registrieren auch die Soziologen einen psychologischen „Generationenbruch“, welcher Enttäuschung mit Misstrauen und Missgunst verbindet. Nach Daten von der Stiftung José Ortega y Gasset und Gregorio Marañón sind siebzig Prozent der Spanier zwischen 18 und 34 Jahren im Gegensatz zu den Älteren fest davon überzeugt, dass jeder, wenn er es nur kann, ihn „ausnutzen“ würde. Ein Drittel äußerte die Ansicht, dass so gut wie niemand mehr die Bezeichnung „guter Mensch“ verdiene. In dieser Lage ist die Familie der einzige anerkannte Rückhalt für neun von zehn Jugendlichen. Ihre Freunde folgen an zweiter Stelle.

Dass das Land nach der vorgezogenen Parlamentswahl im November eine neue, vermutlich konservative Regierung erhalten wird, macht der Jugend keine Hoffnung. Auch die „Rechten“, von einer häufig linkskonformistisch aufgewachsenen Generation gern gedankenlos „Fachas“ (Faschisten) genannt, werden sich schwertun, auf die Schnelle Motivation und Lebenschancen mit Arbeitsplätzen zu schaffen. Nicht nur die sozialistischen und kommunistischen Spitzenpolitiker werben aufdringlich um die Empörten. Auch die Konservativen versprechen, dass es unter ihnen „keine sozialen Einschnitte“ geben werde. Dabei sind diese längst in vollem Gange. Egal, wer Spanien regiert: Das Sparkorsett der Europäischen Union lässt ihnen wenig Luft.

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