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Diplomatischer Streit : Warum Spanien sich mit Marokko versöhnen will

Der neue spanische Außenminister José Manuel Albares am Dienstag vor dem Moncloa Palast in Madrid Bild: Reuters

Die diplomatische Krise mit Marokko beizulegen, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Spaniens neuem Außenminister José Manuel Albares. Seine Vorgängerin hatte die angespannte Beziehung mit Rabat das Amt gekostet.

          2 Min.

          Seine Prioritäten stellte José Manuel Albares gleich nach seinem Amtseid klar. Der neue spanische Außenminister will die Beziehungen „zu unserem großen Freund, unserem Nachbarn Marokko“ in Ordnung bringen. Der bisherige spanische Botschafter in Paris würde dafür lieber heute als morgen seine erste Auslandsreise nach Rabat unternehmen. Die schwere diplomatische Krise zwischen Spanien und dem nordafrikanischen Land hat Außenministerin Arancha González Laya nach nur gut eineinhalb Jahren das Amt gekostet: Ihr Kopf sei mit Amazon-Express „auf einem Silbertablett“ nach Rabat geschickt worden, schreibt ein Kommentator am Dienstag in der Zeitung La Vanguardia. Die erfahrene frühere UN- und EU-Diplomatin sei aus realpolitischen Gründen auf dem „marokkanischen Altar“ geopfert worden.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Krise hatte im Mai ihren Höhepunkt erreicht, als marokkanische Sicherheitskräfte es zuließen, dass mehr als 10.000 Marokkaner in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta strömten. Die marokkanische Führung war darüber empört, dass González Laya den Chef der Westsahara-Befreiungsfront Polisario nach Spanien einreisen ließ. Brahim Ghali ließ sich dort wegen einer schweren Covid-Erkrankung behandeln. Die Außenministerin hatte Rabat darüber nicht informiert. Marokko rief die Botschafterin zurück und stellte die Sicherheitszusammenarbeit mit Madrid ein – ähnlich wie es mit Deutschland geschah: Zwischen Rabat und Berlin herrscht schon seit März diplomatische Eiszeit.

          „Zeichen der Beschwichtigung“

          Weder die Bundesregierung noch die Regierung in Madrid sind jedoch bereit, die marokkanischen Ansprüche auf die ehemalige Westsahara-Kolonie anzuerkennen. Marokko drängt darauf, dass die Europäer dem Beispiel des früheren amerikanischen Präsidenten Donald Trump folgen, der das Ende 2020 getan hatte. In Rabat hatte man den Abgang der Außenministerin schon früher erwartet. Die Zeitung L’Opinion bezeichnete ihn als „ein Zeichen der Beschwichtigung gegenüber Marokko“. Das Onlineportal Le360.ma bezweifelt, dass die Geste ausreicht, da Spanien die „tief sitzenden Gründe der Krise“ weiter ignoriere, womit Marokkos Interessen in der Westsahara gemeint sind.

          Spaniens König Felipe VI (Mitte) und Ministerpräsident Pedro Sanchez am 12. Juli mit den Mitgliedern des neuen spanischen Kabinetts im Palast La Zarzuela in Madrid
          Spaniens König Felipe VI (Mitte) und Ministerpräsident Pedro Sanchez am 12. Juli mit den Mitgliedern des neuen spanischen Kabinetts im Palast La Zarzuela in Madrid : Bild: EPA

          Für Spanien ist Marokko der wichtigste Nachbar am südlichen Mittelmeerufer. Das gilt besonders für den Kampf gegen dschihadistische Terroristen wie gegen die illegale Migration. Die meisten Migranten kommen von Marokko nach Spanien; im ersten Halbjahr wurde ein Zuwachs von mehr als 150 Prozent verzeichnet – zum größten Teil auf den Kanaren. Am Montag gelang es mehr als hundert Migranten, den Grenzzaun um die spanische Exklave in Melilla zu überwinden.

          Sorge um Sommersaison wegen Corona

          Dabei gibt es für den dritten Außenminister, den Ministerpräsident Pedro Sánchez in nur drei Jahren ernannte, jenseits von Marokko genug zu tun. Als Josep Borrell 2019 EU-Außenbeauftragter wurde, galt der Karrierediplomat Albares schon einmal als Kandidat für das Außenamt. Zuvor war der 49 Jahre alte Vertraute von Sánchez dessen wichtigster außenpolitischer Berater und als Generalsekretär für internationale Fragen sein „Sherpa“. Albares kündigte nun auch an, sich stärker um die westlichen Partner zu bemühen. Mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden hatte Sánchez bisher nur während des NATO-Gipfeltreffens in Brüssel auf dem Weg in den Konferenzsaal ein paar Worte gewechselt. Auf der bevorstehenden Reise in die Vereinigten Staaten hat der spanische Ministerpräsident keinen Termin im Weißen Haus.

          In Europa wird der neue Außenminister dabei helfen, dass das Gibraltar-Abkommen endlich in Kraft tritt, das als einer der Erfolge seiner Vorgängerin gilt. Am vergangenen Silvestertag hatten sich Madrid und London im Grundsatz darauf geeinigt, dass Gibraltar zum Schengen-Raum gehören soll und sich nach dem Brexit noch enger an die EU bindet. Eigentlich sollte die Einigung schon unter Dach und Fach sein.

          Die Europäische Kommission will die Grenzfrage in der nächsten Woche endlich angehen. Am Dienstag gab Brüssel die ersten neun Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds frei, die Spanien dringend braucht, da die neue Corona-Welle Sorgen um die Sommersaison wachsen lässt. Albares hält es deshalb auch für eine seiner Aufgaben, in Europa für Spanien als „sicheres Reiseland“ zu werben.

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