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Spanien : Vorbei die süße Zeit der Frühverrentungen

  • -Aktualisiert am

„Der andalusische Wandel“ oder „Für den sicheren Weg“? Wahlplakate der Volkspartei mit ihrem Kandidaten Javier Arenas (links) und der Sozialisten mit Amtsinhaber José Antonio Griñán Bild: REUTERS

In Andalusien ist eine ganze politische Klasse ins Zwielicht geraten. Jetzt wird abgerechnet: An diesem Sonntag finden Wahlen statt. Die konservative Opposition rechnet fest mit einem Wechsel.

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          Francisco Javier Guerrero heißt der Mann, der für alles steht - und gegenwärtig sitzt -, was faul ist in Andalusien. Die Richterin Mercedes Alaya beschuldigt den ehemaligen Generaldirektor für Arbeit und soziale Sicherheit in der südspanischen autonomen Region, nahezu eine Milliarde Euro Steuergelder für zweifelhafte Frühpensionierungen verschwendet zu haben. Nebenbei soll er während seiner achtjährigen Amtszeit zwischen 2001 und 2008 zusammen mit seinem Chauffeur noch eine gute Million Euro mit Kokain, Champagner und Fiestas durchgebracht haben. Seit zwei Wochen ist er wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft, zeigt bei Vernehmungen mit dem Finger „nach oben“ und fegt ansonsten brav mit einem Besen täglich seine Zelle.

          Der 55 Jahre alte, joviale frühere Bürgermeister seines Heimatdorfes El Pedroso lebte auf großem Fuße, ließ aber auch andere an seinen scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten, in den öffentlichen Geldsack zu greifen, teilhaben. Wichtig war nur, dass sie entweder persönliche „amigos“ waren oder aber treue Genossen aus der Sozialistischen Partei. Diese regiert Andalusien als letzte große „rote Bastion“ in Spanien seit mehr als dreißig Jahren. Nun könnte es sein, dass Guerrero am Sonntag, wenn hier gewählt wird, der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die konservative Volkspartei des Madrider Ministerpräsidenten Mariano Rajoy rechnet jedenfalls fest mit einem Wechsel und sogar der absoluten Mehrheit.

          Bargeld aus dem Frührententopf war eben reichlich zur Hand

          Bis im Jahr 2008 die Wirtschaftskrise über Spanien hereinbrach, zog Guerrero, wie es jetzt bei dem Prozess in Sevilla in allen bizarren Details deutlich wird, als eine Art sozialistischer Nikolaus durch die Provinz und verteilte nach Gutdünken Finanzhilfen an interessierte Firmen und Vorruheständler. Er pensionierte oft - ohne Antrag und mit hohen Abfindungen - Freunde, Nachbarn, Gewerkschafter, Parteimitglieder und sogar seine Schwiegermutter. Darunter waren zahlreiche Andalusier, die entweder nie für die angegebenen Unternehmen oder aber überhaupt nie gearbeitet hatten. In einer Region, die inzwischen mit 32 Prozent Arbeitslosigkeit den spanischen Rekord hält - national sind es 24 Prozent - konnte damals noch aus dem Vollen geschöpft werden.

          „Marlboro-Mann mit Gin Tonic“: Guerrero (links) vor dem Gerichtsgebäude

          Guerrero wurde allenthalben bewundert. Juan Francisco Trujillo, sein Fahrer, der ihn im Dienstwagen von Ort zu Ort und Bar zu Bar brachte, wo der Chef ohne viel Federlesens hochdotierte Frührenten genehmigte, war einer seiner besten Freunde. Auch er ist angeklagt und berichtete nun freimütig, dass sie gemeinsam im Monat bis zu 25 000 Euro für Rauschgift ausgegeben und - da schluckte selbst die Richterin - pro Tag jeweils die atemberaubende Menge von fünf Gramm Kokain geschnupft hätten. Bargeld aus dem Frührententopf sei eben immer reichlich zur Hand gewesen. Durch seinen dankbaren Chef kam so auch der Chauffeur mit Hilfe staatlicher „Subventionen“, die ihm für die Gründung fiktiver Unternehmen gutgeschrieben wurden, zu einem Vermögen und einer schmucken Finca.

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