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Spanien : Sozialist im Baskenland getötet

  • -Aktualisiert am

Nach dem Attentat: Polizisten untersuchen den Tatort Bild: AP

Zwei Tage vor den Parlamentswahlen in Spanien ist ein ehemaliger Kommunalpolitiker erschossen worden. Die beiden großen Parteien des Landes haben daraufhin ihren Wahlkampf abgebrochen. Hinter dem Attentat wird die baskische Terrororganisation Eta vermutet.

          Unmittelbar nach dem Mordanschlag auf den ehemaligen sozialistischen Stadtrat Isaías Carrasco am Freitag im spanischen Baskenland haben die beiden großen Parteien des Landes einvernehmlich den Wahlkampf abgebrochen. Der Tatverdacht der Polizei fiel auf die baskische Terrororganisation Eta. Auch Innenminister Perez Rubalcaba bezichtigte Eta. Ministerpräsident Zapatero und der Spitzenkandidat der konservativen Volkspartei, Mariano Rajoy, die beide auf Kundgebungen in der Provinz von der Nachricht überrascht wurden, telefonierten miteinander und eilten danach in ihre Parteizentralen nach Madrid zurück. Für den Abend wurde im Parlament der Hauptstadt eine gemeinsame Solidaritätskundgebung aller Fraktionen organisiert.

          Bevor er sich am Nachmittag an die Bevölkerung wandte, sprach Zapatero mit Angehörigen des Opfers sowie dem nationalistischen baskischen Ministerpräsidenten Juan José Ibarretxe, der den Anschlag mit Nachdruck verurteilte. Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba verdammte den „feigen Akt“ und sagte, es werde den Terroristen niemals gelingen, die spanische Demokratie zu erschüttern. Auf die Mörder warteten nur „das Gericht und das Gefängnis“.

          Auf der „schwarzen Liste“

          Spanier in allen Regionen des Landes reagierten auf das Verbrechen mit Äußerungen der Bestürzung, der Empörung und der Entschlossenheit, Eta weiterhin mit allen Mitteln des Rechtsstaats zu verfolgen. Der Sprecher der Sozialistischen Partei in den Cortes, Diego López Garrido, versicherte derweil, dass es bei der Abstimmung am Sonntag bleiben werde. Der Mord werde „die freie Entscheidung der Spanier“ nicht beeinflussen, „so sehr Eta das auch wolle“.

          Bestürzung bei Angehörigen und Parteifreunden

          Der 42 Jahre alte Carrasco, der in seiner Heimatgemeinde Mondragón nahe San Sebastián für ein staatliches Unternehmen arbeitete, wurde vor seinem Haus von einem Attentäter, der möglicherweise einen falschen Bart trug, mit drei Pistolenschüssen von hinten, darunter einem, den Nacken, getötet. Der ehemalige Stadtrat, der bei den Kommunalwahlen im Mai vergangenen Jahres den abermaligen Einzug in das Rathaus nicht geschafft hatte, stand offenbar auf der „schwarzen Liste“ der Bande. Auf eigenen Wunsch hatte er aber auf einen Leibwächter verzichtet.

          „Mörder, Mörder“

          Nach Angaben von Nachbarn flüchtete der Verbrecher mit einem Komplizen, der auf ihn in einem geparkten Auto wartete. Eine Zeugin gab an, dass der schwerverletzte Carrasco am Tatort noch von seiner Frau und einer seiner Töchter umarmt worden sei. Verzweifelt hätten die beiden „Mörder, Mörder“ gerufen.

          Mondragón gilt als eine Hochburg extremistischer baskischer Nationalisten. Dort hatte die Nationalistische Baskische Aktion (ANV), die unlängst zusammen mit einer weiteren radikalen national-kommunistischen Partei nicht zu den nationalen Wahlen vom Sonntag zugelassen wurde, im Vorjahr das Bürgermeisteramt gewonnen. Die Bürgermeisterin wollte am Abend an einer Protestveranstaltung gegen die Untat teilnehmen.

          Waffenstillstand gebrochen

          Das Verbrechen zur Mittagszeit in einem etwas abgelegenen Wohnviertel deutet darauf hin, dass die Urheber ihr Opfer und seine Lebensumstände genau kannten. Insgesamt mehr als tausend Politiker, Unternehmer, Richter und Journalisten, deren Leben von Eta ebenfalls bedroht ist, nehmen Personenschutz in Anspruch. Zuletzt hatte die Terrororganisation vor wenigen Wochen in der südfranzösischen Gemeinde Capbreton zwei Angehörige der spanischen Guardia Civil getötet, die dort mit der französischen Polizei kooperierten. Nach den gescheiterten Verhandlungen mit der Regierung Zapatero hatte Eta ihren „Waffenstillstand“ im Dezember 2006 gebrochen und bei einem Bombenanschlag auf den Madrider Flughafen zwei in einem Parkhaus schlafende Ecuadorianer getötet.

          Im Rückblick auf die Wahlen vom März 2004, als drei Tage nach den Attentaten islamistischer Extremisten auf mehrere Vorortzüge mit insgesamt 191 Todesopfern Zapatero überraschend den favorisierten Rivalen Rajoy besiegte, kursierten nun in Spanien abermals sofort Spekulationen über eine eventuell unerwartete „politische Wirkung“ des baskischen Verbrechens. Den Meinungsforschern ist die Veröffentlichung von Erhebungen in dieser Woche in Spanien laut Gesetz allerdings nicht mehr erlaubt. Die Ergebnisse von Blitzumfragen könnten aber über das Internet noch an diesem Samstag im Ausland, darunter im nahen Andorra, publiziert werden.

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